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4 Tage Karwendel

-gehd schoo, des iss gangbar-
55,4 km; ca.4500 hm
16-19.11.2011
Mittwoch, 16.11.2011

Gegen 15.00 Uhr erreichen wir per Bahn Scharnitz. Zu unserem Glück findet Daniel einen kleinen Steig in Richtung Birzelkapelle der uns ein kleines angenehmes Wegstück beschert das sich malerisch durch den Wald oberhalb von Scharnitz schlängelt. Nachdem Daniel an der kleinen Kapelle Segen und Gesundheit für unsere Tour erbeten hat biegen wir auf die ewige Forststraße durchs Karwendeltal ein. Die rasch einsetzende Dämmerung tauscht das vor uns liegende Tal in feurige Herbstfarben, und weicht dann ebenso schnell der eisigen Dunkelheit. Unter sternenklarem Himmel laufen wir über den dick mit Raureif bewachsenen Weg durch die bitterkalte Nacht und erreichen gegen 20.00 Uhr den Winterraum des Karwendelhauses.

Donnerstag 17.11.2011

Obwohl wir den riesigen und luxuriösen Winterraum für uns alleine haben, war die Nach nicht sonderlich erholsam. So brechen wir nach einem gemütlichen Frühstück aus der Tüte erst gegen 09.00 in Richtung Vogelkarspitze auf. Der Weg verliert sich rasch in den grasigen Hängen und wird nur gelegentlich von ein paar Steinmanderln markiert. Die Morgensonne vertreibt die Kälte aus unseren Knochen und so werfen wir Schicht für Schicht ab während wir die immer steiler werdende und mit herbstlich braun grauem Gras bedeckte Flanke erklimmen. Auch wenn es keinen markierten Weg gibt, erklärt er sich von selber, da die flanke auf beiden Seiten von einem steil abbrechenden Schuttkar begrenzt wird. Am Gipfel der Vogelkarspitze erwartet uns eine traumhafte Fernsicht, München ist deutlich zu sehen, und mit dem Fernglas ist sogar der Olympiaturm zu erkennen. In Richtung Süden erstrecken sich hunderte verschneiter Gipfel, und eine einsame Dohle leistet uns bei der Gipfeljause Gesellschaft. Nach einer guten Stunde der Entspannung kriecht uns langsam der eisige Wind in die Knochen und wir setzen den weg in Richtung Westen über den Grat zu den Schlichtenkarspitzen fort. Der weg führt teils am Grat entlang und bietet durchaus spannende Tiefblicke auf den Rhontal- und Hufachboden die knappe 1000 hm senkrecht unter uns liegen. Die Querungen durch die Flanken sind gut meist Gangbar, aber es sind einige leichte Kletterstellen in bröseligen Karwendelfels dabei die nicht wirklich angenehm sind. Nachdem wir die beiden Schlichtenkarspitzen überschritten haben, machen wir im Windschatten eines Felsblockes am Grat unsere langersehnte Mittagspause und genießen erneut die malerische Fernsicht.

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Da uns nach der Pause maximal 2 stunden Tageslicht verbleiben, beschließen wir gleich querfeldein abzusteigen und nicht mehr bis zum Bäralplkopf zu gehen. Schnell ist ein Gangbarer abstieg gefunden, und wir queren oberhalb der Latschen und des Gjagsteiges zurück in Richtung Karwendelhaus. Da die Flanke immer wieder von Rinnen und Abbrüchen durchbrochen wird und wir nicht so schnell wie erhofft vorankommen, steigen wir durch eine Rinne hinab zum Gjaidsteig. Die Rinne führt anfangs gut gangbar zwischen den Latschen hinab, aber bald erreichen wir die erste Steilstufe….zum Glück hat Daniel 20m Schnur im Rucksack und wir können uns provisorisch abseilen. Und nach der Stufe endet die Rinne, und wir kämpfen uns teil rutschend teils kletternd unter-über und durch die Latschen weitere 100hm nach unten. Als das letzte Licht des Tages schwindet, stehen wir endlich auf dem Gjaidsteig. Noch schnell Wasser aus einem kleinen Gumpen in die Trinkblasen gefüllt, nachdem die Wasser / Schneeversorgung rund um die Hütte sehr mager ist. Gegen 18.00 sind wir an der Hütte, und träumen von einem zeitigen Abendessen und einer erholsamen Nacht. Aber es kommt natürlich anders als erhofft, mein Wasserfilter verweigert den dienst, die Trinkblasen sind voller Blutegel und total verdreckt. Bis endlich das Wasser trinkbar ist und das Essen auf dem Tisch steht ist es dann doch wieder 22.00.

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Freitag 18.11.2011

Nach der nächsten nicht wirklich erholsamen Nacht starten wir gegen 08.30 in Richtung Schlauchkar um dort eine Runde über die Birgkar- und Ödkarspitzen zu machen. Schon in der Lawinenverbauung oberhalb der Hütte machen sich die letzten arbeitsreichen Wochen und die beiden letzten Tage und Nächte bemerkbar. Meine Oberschenkel beschweren sich deutlich und würden sich eher auf einen Tag Wellnessurbaub freuen als auf Berge zu steigen. Die Steil vor uns aufragenden Gipfel sorgen dafür das seit Wochen kein Sonnenstrahl mehr in das Kar kam, so ist es saukalt und der Schnee zu Eis zusammen gebacken. Als wir die ersten durchgehenden Schneefelder erreichen, wird es zeit die Steigeisen und Pickel auszupacken. Das untere Stück ist relativ flach und gut zu gehen, zumindest wenn Mann leicht genug ist. Daniel bringt mit Ausrüstung mindestens 10kg weniger auf die Wage als ich und wird von der Firnschicht leicht getragen, während ich bei jedem 5ten schritt bis übers Knie einbreche. Schnell lassen wir den flacheren Teil hinter uns, und nach der ersten Stufe wird es dann langsam steil und richtig eisig. Hier stolpern heißt höchstwahrscheinlich eine weite Abfahrt um dann dank einer der Stufen als Sprungschanze unten als roter Fleck auf dem weißen Firn zu enden. Zum Glück führt eine zwar senkrechte aber gut ausgetretene Spur aufwärts, aber ich merke woher das Schlauchkar seinen Namen hat…es schlaucht mich ziemlich…

 

An der Biwakschachtel angekommen, bin ich am Ende und möchte eigentlich sofort ins 5 Sterne Wellnesshotel, und zwar mit dem Hubschrauber !! So lasse ich Daniel nach dem Mittagessen alleine auf die Birgkarspitze ziehen und gönne mir eine geistige und körperliche Pause.Nachdem ich wieder halbwegs bei Sinnen bin geht’s bei eisigem Wind aber wenigsten auf dem Grat in der Sonne weiter in Richtung Ödkarspitzen. Wie schon am Vortag haben wir eine überragende Fernsicht und die Stubaier Gletscher leuchten uns blau weiß entgegen.

Der Weg ist ausgetreten, gut markiert und die Schneefelder gespurt, und auch die Kletterstellen sind bis auf eine Ausnahme gut gesichert. Eine wunderschöne Hochtour bei besten Bedingungen und so bessert sich auch meine Stimmung zusehends. Immer wieder müssen wir Pausen machen um diesen Moment auszukosten. Gegen 15.00 ist wieder unsere Umkehrzeit und wir steigen ins Marxenkar ab. Blöder weise entscheiden wir uns nach kurzer Überlegung uns 100hm zu sparen und nicht den sicheren Weg durchs Marxenkar weiterzugehen sondern biegen ins ungewisse auf den Brendelsteig ab. Der Steig führt durch eine steile Wand und schon gleich nach der ersten Ecke ist das schmalen Band auf dem der Steig entlangführt sind mit Schnee und Eis bedeckt.

Naja wird schon nur des eine Schneefeld sein und da sind schon Spuren… also Pickel raus und rüber, aber leider kommt auch gleich die nächste Eisplatte. Zurück? Oder weiter? Und so stecken wir schneller als wir denken können in der Zwickmühle: Zurück über die letzten 5 Eisbretter oder noch über das vermeintliche letzte Schneefeld weiter? „ Hier brauchst fei ned ausrutschn…. da geht’s gscheid nunter..“ muntert mich Daniel auf, während er halb kopfüber in der Wand hängend fleißig Tritte ins Eis pickelt. Als wir endlich durch die Wand sind bin ich ziemlich genervt von unserer Dummheit und Leichtsinnigkeit. Wir folgen dem anschließenden Grat der dank des allgemeinen gebrösels auch nicht angenehm zu gehen ist, und biegen dann in der Dämmerung in das letzte steil abwärts führende Stück des Steiges ein. In der Früh haben wir das Stück aus der Ferne besichtigt, und ich wollte Daniel nicht wirklich glauben das es irgendwie da runter geht. Wenigstens ist der Steig hier halbwegs schneefrei und ist im Vergleich zu so manch anderen Stellen der letzten Tage kein Problem. Mit der Dunkelheit und der zurückkehrenden Kälte erreichen wir endlich wieder das Schlauchkar. Für Schnee sammeln, schmelzen, filtern, etc. haben wir jetzt definitiv keinen Nerv mehr…..auf der Hütte gibt’s Mineralwasser, das geht genauso zum kochen. Die Nacht wird wieder viel zu kurz und dank schnarchender Mitschläfer wenig erholsam.

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Samstag 19.11.2011

Gegen 07.00 quäle ich mich dann aus dem Bett, und Heute ist wirklich Wellnesstag angesagt. Eigentlich wollten wir über das Marxenkaar zur Breitgrieskarspitze und weiter zur Pleisenhütte, aber angesichts der anstehenden Höhenmeter treten meine Oberschenkel spontan in Streik. Um 19.00 Uhr wollen wir uns mit Don am Parkplatz in Scharnitz treffen, und so machen wir es uns bis 11.00 in der Hütte gemütlich um dann durchs Tal zum Parkplatz zu laufen. Daniel ist natürlich wenig begeistert davon das er die Strecke ungefähr zum zwanzigsten Mal laufen darf. Und das mit steigeisenfesten Stiefeln von denen er in flachem Gelände für jeden Kilometer eine Blase bekommt. Bei Tageslicht sehen wir welche wunderbaren Gewächse der Raureif in den sonnenlosen Talgrund gezaubert hat. Auch die Felsen im Karwendelbach sind mit einer dicken Eisschicht glasiert, und es hat gefühlte -10C°. Gegen 17.00 sind wir endlich am Parkplatz, und treffen die nächste dumme Entscheidung: in der Hoffnung das meine Frau früher am Auto ist warten wir in der Eiseskälte in unsere Schlafsäcke gepackt, anstatt in den nächsten Gasthof zu gehen und etwas warmes zu essen.

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