Alle Wege führen nach Kom (Julian)

So blicken wir also der bitteren Wahrheit ins Auge das wir erneut in den Backofen absteigen müssen, da es am „Kozia Stena“ kein durchkommen mit den Packtieren gab.
Am Vorabend waren wir und noch nicht ganz sicher ob wir auf den Nord- oder Südseite des Hauptkammes absteigen sollten. Die Südseite würde zwar auf den ersten Blick die kürzere Ausweichroute darstellen, aber sich endlos über Forststraßen ins Tal schlängeln um uns dann in städtische Gebiete zu bringen. Dort gäbe es laut unserer Karte keinerlei Feldwege, nur eine vielbefahrene Bundesstraße die uns wieder zu einem vernünftigen Aufstiegspunkt bringen würde.
Auf der Nordseite dagegen wären es zwar mehr Kilometer und mehr Höhenmeter, aber unser Weg würde parallel zum Hauptkamm über grasige Hügelkämme verlaufen. Außerdem müssten wir dort nicht durch Städte, sondern könnten durch Wälder und über Lichtungen laufen, und vor allem würden wir nicht wieder im Tal, im Backofen feststecken. Also steht der Entschluss fest, und wir machen uns an den Abstieg in Richtung Norden. Der ca. 10km lange Weg ins 800hm tiefer gelegene Tal schlängelt sich gemächlich durch verwunschene Wälder und über kleine Lichtungen. Nach einer mittäglichen Hitzepause im Tal bringen wir den Aufstieg auf den nächsten Hügelkamm hinter uns, was dann nochmal 8km und 700hm rauf bedeutet. Gegen Abend erreichen wir endlich unser Ziel eine grasige Kuppe auf knapp 1450m wo sich laut unserer tollen, 2010 neu aufgelegten, Karte 2 Brunnen und 2 Quellen befinden sollen. Doch mal wieder Ernüchterung am späten Abend. Die Brunnen sind unauffindbar vom Dickicht überwuchert und die Quellen ausgetrocknet. So bleibt mal wieder nichts anderes als bei einbrechen der Dämmerung zu einem 150hm tiefer gelegenen Bachlauf abzusteigen. Tierspuren und der Geländekontur folgend kämpfe ich mich durchs Gebüsch und finde endlich Spuren von Wasser das hier beim letzten Regen geflossen ist. Aber der Bach ist mal wieder trocken! Noch weiter unten finde ich endlich einen kleinen schlammigen Abschnitt an dem der letzte Rest Wasser an die Oberfläche tritt. Leider ist die Brühe weder für uns noch für die Tiere trinkbar. Es bleibt nichts anderes übrig als einige Gumpen in den Schlamm zu graben und zu hoffen das sie sich bis zum nächsten Morgen mit Wasser füllen werden. In den kommenden Tagen und Wochen verschlimmert sich die Wassersituation immer mehr. So müssen wir unsere Wegstrecken oft nach Hütten ausrichten um wenigstens einmal am Tag an frisches Wasser zu kommen. Zwar kommen wir ab und an bei Brunnen auf Weiden vorbei, als Nachtlager sind diese Plätze jedoch vollkommen ungeeignet da in weitem Umkreis alles abgefressen ist und man sich mit Kuh- und Pferdeherden um den besten Schlafplatz streiten darf. So bringen wir anstrengende und wie immer brütend heiße Tage hinter uns bis wir endlich unser letztes unser letztes Nachtlager aufschlagen bevor wir wieder ins Hauptmassiv aufsteigen. In einem kleinen und steil eingeschnittenem Flusstal finden wir eine grade und schattige Wiese am Ufer eines Gebirgsbaches. Zwar müssen wir mal wieder die ansässige Pferdeherde von ihrem Lieblingsplatz vertreiben, aber nach einem Tag mit 42°C und 20 km Strecke kennen wir kein Erbarmen mehr. Den krönenden Abschluss dieses langen Tages bietet ein großer Gumpen in dessen eisigen Fluten wir sogar 3-4 Züge schwimmen könn, und ein Festessen mit richtigem Fleisch und kaltem Bier das wir im letzten Dorf erbeutet haben.

…Also geht es endlich wieder in die Berge. Am Ende eines langen und trotz 1000hm erstaunlich leichten Aufstieges kommen wir am frühen Nachmittag bei einer alten Berghütte aus den 30èr Jahren an. Dort herrscht das übliche Chaos aus halb verfallenen Anbauten und liebevoll liegen gelassenem Schrott. Wir fühlen uns dort auf Anhieb wohl. Der urige Hüttenwirt steigert unser Wohlgefühl noch als wir sofort auf Kaffee und Radler eingeladen werden. Wir fühlen uns auf den Hütten hier eh selten wie „normale“ Touristen“, sondern werden oft Abends von den Hüttenwirten an ihren Tisch eingeladen, teilen mit ihnen das Abendessen, werden mit selbstgemachten Köstlichkeiten gefüttert und natürlich endet es meist mit viel Rakir und Gelächter. Und trotz des oft schlimmen Katers am nächsten Tag möchten wir diese herzlichen Momente nicht missen. Und so endet auch dieser heitere Abend mit viel Gelächter in der Küche des Hausherren und wir erhalten viele wertvolle Informationen über die weitere Strecke. Im Gegensatz zu den vielen Leuten die angeblich ganz genau Bescheid wussten was mit unseren Tieren machbar ist (und uns damit viele Tage Umwege gekostet haben) stimmen alle Infos die uns der ehemalige Bergsteiger mit auf den Weg gibt haargenau. Die einzige Schwierigkeit ist ein 200hm langer Abstieg der durch steiles Gelände mit großen Felsblöcken führt. Aber auch diesen Abschnitt meistern unsere beiden souverän. Das einzige Problem ist das Kamchi ab und zu etwas nervös ist bei schwierigen Stellen als Übersprunghandlung nach jedem Grünzeug schnappen muss! So auch diesmal. Schneller als ich schauen kann macht sie zwei schnelle Schritte nach vorn zum nächsten Graßbüschel und übersieht dabei leider das ich ja auch noch da bin. So fliege ich mit reichlich Schwung 2 Meter über die Felsblöcke und mein Knie äußert seinen Unmut mit einem lauten knacken. Aber zum Glück scheint nichts ernsteres passiert zu sein und so setzte ich den weiten Weg bis zum nächsten Wasser und zur nächsten Weide leicht humpelnd fort. Abends ist das Knie dann doch verdächtig geschwollen, und am nächsten Morgen ist nur mit einer dicken Bandage und Salbe an ein weiterlaufen zu denken. Auch die nächsten 2 Wochen macht das Knie immer wieder ernsthafte Probleme….. Mal schnell zum Arzt gehen fällt hier in den Bergen natürlich eh aus, und was ich so vom bulgarischen Gesundheitswesen mitbekommen habe würde ich lieber russisch Roulette mit meinem Knie spielen als in irgend einem Dorf zum Arzt zu gehen! Zum Glück kann ein guter Freund und Arzt meine schlimmsten Sorgen dann per Telefon zerstreuen…wahrscheinlich ist „bloß“ das Innenband überdehnt, und ich werde das Knie wohl noch einige Wochen lang schonen müssen.
In den folgenden Tagen verlassen wir das massiv des Zentralbalkan und bewegen uns wieder in etwas niedrigerem und hügeligem Gelände das uns immer näher an den Endpunkt unserer Etappe in Bulgarien bringt: Den Berg Kom. Da wir mittlerweile 8 Wochen hinter dem Zeitplan sind haben wir uns entschieden uns dort irgendwo abholen zu lassen. Ursprünglich wollten wir uns in der Nähe der Fähre über die Donau (wäre eh nur mit Pferdeanhänger gegangen) einsammeln lassen und uns die knapp 100km bis in den Beginn der Karpaten fahren lassen. Nun hat sich aber dieses Jahr die Situation mit der Equinen Anämie in Rumänien anscheinend nochmals extrem verschlimmert, so das wir uns gezwungen sehen Rumänien komplett zu überspringen und in der Slowakei wieder einzusteigen. Die Krankheit wird durch sämtliche blutsaugenden Insekten (davon gibt es hier mindestens 5 mal so viele Arten ),Körperflüssigkeiten und Ausscheidungen übertragen. Das heißt ein einziger Insektenstich, das schnüffeln an einem Haufen, oder das trinken aus einem Brunnen an den vorher ein krankes Tier getrunken hat könnte den sicheren Tod für unsere Packtiere bedeuten. Aber unser guter Freund Aykut hat schon vor einem Monat alles nötige für den Transport organisiert, wir sollen bloß 4-5 Tage vorher Bescheid geben und es kann sofort losgehen.
Leider führt unser Weg viel zu oft über Schotterpisten und Forststraßen, und nur selten auf kleinen Trampelpfaden. Und wenn dann sind die Trampelpfade zwar meist sehr schön, sind aber oft so schmal angelegt dass man schon mit Rucksack fast stecken bleibt. Für uns bedeutet das dann immer wieder das wir nur wenige Kilometer am Tag schaffen da wir die Wege in mühevoller Arbeit mit Säge und Machete soweit verbreitern müssen das sich unsere Packtiere durch quetschen können.
Auch die Wegmarkierungen lassen immer wieder sehr zu wünschen übrig. Oft sind an Abzweigungen kilometerweit keine Markierungen zu finden, und dann auf gerader Strecke alle 5 Meter an jedem Baum. Zum Glück hat uns ein bulgarischer Freund einen GPS-Track des E3 organisiert der uns immer wieder hilft auf dem rechten Weg zu bleiben. Irgendwie scheint es uns manchmal als würde ein geheimer Wettbewerb stattfinden: Wer es schafft die sinnloseste Markierung zu setzten, und den Weg durch das undurchdringlichste Dickicht zu führen während 100 Meter oberhalb ein grüner Grasrücken mit ewig weiter Fernsicht einladen würde. Beliebt ist es auch den Weg auf öde Forststraßen zu legen während ein wenig unterhalb ein Pfad an einem gemütlich dahinplätschernden Gebirgsbach entlangführt. Oder wenn der alte Weg viele Kilometer weit auf einem Bergrücken entlangführte, kann man sich sicher sein das die neue Variante zwar immer noch über jeden Gipfel führt, aber einen mit viel auf und ab immer wieder ins Tal bringt und dabei ganz gezielt jede Wasserstelle umgeht! Wir waren ja des öfteren gezwungen den E3 zu verlassen, und haben an verschiedensten Orten und kilometerweit entfernt die eigentlich für den E3 in Bulgarien reservierte Rot-Weis-Rote Markierungen gefunden. So kam uns wieder und wieder mit einem schmunzeln im Gesicht der Spruch „Alle Wege führen nach Kom“ über die Lippen, und hat uns ein wenig aufgeheitert wenn wir wiedermal gezwungen waren einen tagelangen Umweg in kauf zu nehmen. Wie gesagt, führt uns unser Weg einige Tage lang nordwärts durch hügeliges und dicht bewaldetes Gelände. Leider macht mir mein angeschlagenes Knie immer mehr Probleme, und wir können oft nur einen halben Tag laufen bis es wieder nach Kalten Umschlägen und Salbe schreit. Zwischendrinn geht gar nichts mehr und wir müssen insgesamt 2 Pausetage einlegen da bereits Morgens klar ist das ich keinen Meter laufen kann. Aber wenigstens haben wir das Glück das wir immer einen schönen Platz erwischen. Die erste Zwangspause verbringen wir in einem von kleinen Lichtungen und Bächlein durchzogenem Waldstück. In einer kleinen Nische auf einer verwinkelten Lichtung finden wir eine „Höhle“ im dichten Buchengestrüpp in die genau unser Zelt passt. So haben wir den ganzen Tag Schatten und 2 Meter neben dem Zelt plätschert ein kleines Bächlein das uns mit frischem Wasser versorgt. Unsere Wohnküche schlagen wir direkt auf dem E3 im angenehmen Schatten des Waldes auf und verbringen den Tag mit faulenzen und dösen. Das Highlight der nächsten Zwangspause ist das Frühstück…..Damit wir am nächsten Tag zeitig loskommen haben wir am Vorabend alles gepackt und das Frühstück vorbereitet. Bereits als ich in der Früh den Kaffee mache fallen mir im Vorzelt verdächtig viele Ameisen auf. „ Verdammt die machen sich bestimmt wieder über die ganzen Bröseln in meinem Rucksack her, und von meinen heiligen und streng rationierten Bonbons werde ich sie dann auch nicht mehr runter bekommen!“ Als wir anfangen das Zelt auszuräumen und ich die Müslischüssel in die Hand nehme ist klar was Sache ist. Die verdammten Biester hatten den genialen Plan ihr neues Nest direkt im Paradies zu errichten. Der letzten Portion unseres heiligen und hier so schwer zu bekommenden Müslis. Ja verdammt und was jetzt? Minutenlanges vorsichtiges schütteln, pusten, absammeln und verzweifeln bringen nur mäßigen Erfolg….immer noch ist das gesamte Müsli in Bewegung und versucht panisch davonzulaufen. Die Frühstücksalternativen sind bereits gestern Abend weit unten in den Packtaschen verschwunden, wenig verlockend und mit zeitraubender Kocherei verbunden. Außerdem sehen wir es gar nicht ein die letzte Portion von unserem heiligen Müsli zu opfern! Also bleibt nur eine Option: Es wird gegessen was auf den Tisch kommt ( oder gekrabbelt ist;) Immer noch wuselt unser Frühstück munter in der Schüssel umher…“Die sollen ja leicht säuerlich schmecken, das passt bestimmt gut zum Früchtemüsli…“ Also nicht lange gefackelt, das Ameisenmüsli probiert und für gut befunden. Sind ja alles extra Kalorien! Bei den ersten Löffeln versuchen wir noch die eine oder andere Ameise abzusammeln, doch für eine die man rausfischt kommen 5 neue an die Oberfläche getrieben. Aber mittlerweile sind wir doch etwas unerschrockener und abgehärtet nach den ganzen undefinierbaren Dingen die uns bereits vorgesetzt wurden und wir sind froh über alles was Brennwert hat.
An dieser Stelle muss ich auch nochmal ein großes Kompliment an die Küchenchefin Don aussprechen die es trotz der größtenteils dehydrierten Nahrungsmittel ein ums andere mal schafft uns zu später Stunde noch ein lekkeres und nahrhaftes Mahl zu bereiten. Auch mit Pflanzen kennt sie sich ja sehr gut aus und wenn sich irgendwie Zeit ergibt verfeinert sie die Mahlzeiten mit allerlei schmackhaften Kräutern, Pilzen und Beeren. Sie meistert es bravourös den ganzen Bestand im Auge zu behalten, Nachschub zu planen, und das alles dann auch noch sinnvoll in unseren Packtaschen zu verstauen. Nach den 1-2 mal im Monat wo wir einen Großeinkauf machen oder uns mit Nachschub aus einem Depot versorgen ist die arme oft viele Stunden damit beschäftigt alles neu zu packen und zu sortieren.

Spruch aus dem Alltag, von Ernährungsmisterin Don an alle Beteiligten:
“…nein das darfst du noch nicht essen! Das ist für Morgen!”

Als wir dann endlich 5 Tagesetappen vor dem Ziel sind steuern wir eine kleine Hütte an einem See an und werden wie immer von allen neugierig beäugt. Ganz besonders von dem scheinbar einzigem Touristen auf der Hütte. Und zu unserer Verwunderung ist ein altes graues Eselchen am Zaun angebunden das uns und besonders Aische mit freudigen Rufen begrüßt. Seltsamer Anblick, der erste Esel den wir in dieser Gegend sehen. Als wir unsere Tiere angebunden haben kommt der vermeintliche Tourist freudestrahlend auf uns zu und begrüßt uns mit den Worten: „ Ah, Landsleute, wie schön. Wo kommt ihr denn her?“ Als wir ihm von unserer Tour erzählen und das wir auf der Route E3 Emine-Kom unterwegs sind werden seine Augen immer größer. „ Das ist ja Wahnsinn, das da ist mein Esel und wir laufen Kom-Emine!“ So sitzen wir bis in den späten Abend mit Rumen, der aus Berlin kommt und halber Bulgare ist,zusammen und tauschen Erfahrungen aus. Wir sind glücklich das wir endlich auch mal Infos über die Strecke, mögliche Schwierigkeiten und Tipps an jemanden weitergeben können nachdem wir auf unserem Weg soviel Hilfe und Herzlichkeit von anderen erfahren durften. Und so bleibt uns nur große Anerkennung für diesen Mann der sich alleine mit seinem Esel an einer Route versucht die uns oft bis an unsere Grenzen gebracht hat.
Da es jetzt nur noch 8 Tage bis zum geplanten Transport sind geben wir am nächsten Tag, wie jede Woche, erneut Bescheid und immer noch ist alles geregelt…5 Tage bis zum Kom, 1 Tag Puffer (Man kann ja nie wissen) 1 Tag Abstieg, 1 Tag Nachschub einkaufen…..ein wasserdichter Plan, also letztes Telefonat wenn wir am Fuße des Kom stehen. Und tatsächlich brauchen wir unseren Puffertag als wir Wetterbedingt nicht in das letzte kleine Bergmassiv vor dem Kom aufsteigen können. Den ganzen Tag hängen schwarze Gewitterwolken über unserem Weg und konstantes Donnergrollen mahnt uns das es eine dumme Idee wäre jetzt 20km über den höchsten Bergkamm in der Gegend zu laufen. So sind wir gezwungen einen Tag lang abzuschalten, und ich kann versuchen auch mal endlich was essbares auf den Tisch zu bringen. Wir Kampieren in der Nähe einer alten Hütte, die von einer sehr netten und gastfreundlichen Familie bewirtet wird. Der Sohn zeigt mir seine Kniffe wie man die äußerst scheuen und schlauen Regenbogenforellen fängt und ich habe auch endlich mal die Zeit Flusskrebse zu jagen bei deren Anblick uns schon oft das Wasser im Munde zusammengelaufen ist. Und wie so oft endet der Abend mit neuen Freunden, viel Gelächter, einem (selbst gefangenen) gutem Essen und reichlich Rakir am Tisch der Hüttenwirte. Das Oberhaupt der Familie ist passionierter Jäger und er versucht uns zu überreden noch einen Tag länger zu bleiben und mit ihm auf die Jagd auszureiten. Unsere Bedenken ob wir unser Zelt mitsamt Equipment und allen Tieren gefahrlos im Wald abseits der Hütte alleine lassen können zerschlägt der altgediente Soldat schnell und äußerst glaubwürdig: „Hier in meinem Revier gibt es keinen Ärger. Ich hab meine Kalaschnikow, und das weiß jeder!“ Aber so gerne wir auch bleiben würden und so verlockend sein Angebot auch ist, wir haben ja unseren fixen Termin für den Transport. Also brechen wir am nächsten Morgen schweren Herzens zu unserer vorletzten Etappe in Bulgarien auf und überschreiten die letzten Berge vor dem Massiv des Kom. Linkerhand breitet sich eine malerische Hochebene aus die sanft und hügelig ins Flachland abfällt und mit dunkelgrünen Flecken Wald gesprenkelt ist. Auf der rechten Seite bricht der Kamm steil und felsig in die knapp 1000 Meter tiefer gelegene Ebene ab. Doch das instabile Wetter mit dicken Quellwolken und die Warnung vor den äußerst giftigen Hornvipern, die es hier oben massenweise geben soll, treiben uns zur Eile. An diesem Tag sehen wir zwar keine der hier so gefürchteten Schlangen, sind ihnen aber auf unserem Weg schon oft begegnet und lassen immer größte Vorsicht walten. Leider sind nur äußerst unklare Aussagen zu bekommen wie gefährlich sie wirklich sind. Klar ist jedoch nur das ein Biss durchaus tödlich sein kann, und das einen das Antiserum ( falls man es überhaupt bis ins nächste Krankenhaus schafft ) genauso umbringen kann. Zum Glück konnten wir bei unseren ganzen Begegnungen jedoch die Erfahrung machen das sie nicht angriffslustig sind und lieber das Weite suchen. Trotzdem haben wir dann oft lieber einen kleinen Umweg in kauf genommen als z.B. durch das Wacholdergestrüpp weiterzugehen in das sich die flüchtende Schlage grade verkrochen hat.
Da wir ja jetzt am Fuße des Kom sind das letzte Telefonat wegen des Transports und anscheinend gibt es ein Problem! Irgendwelche Papiere fehlen! Fällt denen ja früh ein! Aber alles kein Problem….alles nötige ist veranlasst, der Fahrer wird die Papiere mitbringen und wir müssen sie nur schnell auf dem Weg zur Fähre bei einem befreundeten Tierarzt abstempeln lassen. Hab ich ja schon fast nen Herzinfarkt bekommen, aber dann scheint ja alles zu passen.
Am nächsten Morgen ist es endlich soweit! Als wir unser Lager verlassen und um die erste Kurve des Waldweges biegen sehen wir zum ersten mal den Kom der sich die letzten Tage in Dunst und Wolken versteckt hatte. Nach 5 Stunden haben wir den ersten Teil des Zustieges geschafft, allerdings hat er uns auch geschafft. Langsam und erschöpft quälen wir uns durch die pralle Sonne unserem Ziel entgegen. Wieder geht es über ein ausgedehntes Hochplateau das von vielen kleinen Bächen durchzogen wird und überall sprudeln kleine Quellen. Auch öffnet sich der Blick bis weit nach Serbien hinein, das wir aufgrund der Quarantänebestimmungen leider umgehen müssen.
Aber je näher wir kommen um so ernüchternder wird das ganze. Immer wieder stehen Jeeps am Wegesrand, da anscheinend einige Gipfelstürmer nichtmal die Kondition haben die 300hm von der auf der anderen Seite des Kom gelegenen Hütte zu schaffen. Und als wir noch näher herankommen sehen wir auf dem „Normalweg“ von der gerade erwähnten Hütte auf den Kom wie an einer Perlenschnur aufgereiht die bunten Punkte der Badelatschenbergsteiger. Schließlich drängeln wir uns in den Verkehr und ernten böse Blicke wenn wir schwerbeladen mit unseren Packtieren auf Vorfahrt bestehen. Am meisten nervt es uns Heute ständig ungefragt Fotografiert zu werden. Umso mehr heitert es uns dann auf wenn wir in entsetzte Gesichter blicken wenn wir unsere Kameras zum Gegenangriff zücken. Wir sind gerade definitiv nicht in der Lage als Jahrmarktsattracktion zu posieren. Doch letztlich beschließen wir uns diesen besonderen Tag und Gipfel nicht vermiesen zu lassen, und beharren darauf das wir hier und Heute die einzigen sind die sich es wirklich verdient haben den Gipfel wenigstens 15 Minuten für sich alleine zu haben. Und tatsächlich, während unserer Brotzeitpause auf einem kleinen Sattel tut sich eine kleine Lücke im Strom der Sonntagsspaziergänger auf. Und so stehen wir 20 Minuten später auf dem langersehnten Gipfel! Ihn zu erreichen hat uns gute 10 Wochen alles abverlangt, uns an unsere Grenzen und darüber hinaus gebracht, und uns um viele Erfahrungen reicher gemacht. So haben wir unsere geforderten 15 Minuten den Gipfel für uns ( Abgesehen von Schwärmen roter Ameisenmännchen die grade ausfliegen und uns in den Wahnsinn treiben) und können vor lauter Verwirrtheit und Anstrengung der letzten Monate kaum realisieren das wir den ersten Teil unserer langen Reise soeben hinter uns gebracht haben. Auch sind wir natürlich sehr wehmütig das wir Rumänien auslassen müssen, auch wenn uns bewusst ist das es dort nochmal eine ganze Spur schwieriger werden würde als in Bulgarien. Aber so haben wir wenigstens noch Chancen zu Fuß bis nach Bayern zu kommen. Auch wenn selbst mit der Abkürzung von knapp 1000km die Zeit trotzdem knapp wird, und wir wahrscheinlich im Winter durch die Alpen müssen.
So rauschen hunderte Gedanken durch unsere Köpfe während der kurzen Gipfeljause, und wir organisieren bereits im Kopf die nächsten Schritte….Der Transport, Nachschub einkaufen, die Depots in Rumänien nach Hause schicken lassen, wo lassen wir uns absetzten, usw….
Aber trotzdem sind wir überglücklich, freuen uns, fallen uns um den Hals und machen Kopfstand. Pünktlich nach 15 Minuten vertreibt uns eine Gruppe lärmender und nach Parfüm stinkender Teenager in Plastiksandalen vom Gipfel und wir machen uns an den Abstieg zur Hütte wo wir uns zur Feier des Tages eine Dusche und Abendessen und vielleicht sogar ein Zimmer gönnen wollen.