Der Astronaut (Don)

Ich gebe zu, es ist uns nicht leichtgefallen die Annehmlichkeiten des zivilisierten Lebens wieder hinter uns zu lassen. Das warme Wasser das auf Wunsch über den müden Rücken rinnt, und vor allem eine Küche voller frischer Lebensmittel hat es mir angetan!
Nun gut, der Wettergott hat wieder gute Laune,die Sonne lacht vom Himmel, und so setzten wir unseren Weg wieder fort. Vor uns liegen ca. 60km durch hügeliges und großteils bewaldetes Gelände, bevor es zurück in die Berge und auf den Fernwanderweg E3 geht.
Auf kleinen und kaum befahrenen Landstraßen und Feldwegen die sich durch das immer bergigere Gelände schlängeln und uns in des Herz des Balkans führen kommen wir gut voran. Der Wettergott hat immer noch gute Laune, die Sonne lacht und lacht und scheint einen richtigen Lachkrampf zu haben, denn die Temperaturen steigen und steigen.
Als wir durch ein kleines Tal wandern in dem laut Karte ein kleines Flüsschen liegt, träumen wir von kalten Fluten in denen wir uns abkühlen und waschen können. Als ich in einer Pause für die durstigen Tiere Wasser holen will, werde ich wachgerüttelt. Wir sind in Bulgarien und der Fluss ist bereits durch ein Dorf geflossen. Als ich noch einige Meter vom Bach entfernt bin ist bereits ein übler Gestank nach Plastik, nassen Klamotten und Moder zu vernehmen. Das Bild des Grauens übersteigt den Gestank noch bei weitem. Vom letzten Hochwasser sind alle Bäume, Wurzeln und Sträucher und die gesamte Uferböschung bin in einem Meter Höhe Flächendeckend mit Müll überzogen. Erschüttert marschieren wir weiter, und haben mit den Packtieren wieder einige Herausforderungen zu meistern. Die knietiefe Furt mit schnell fließendem und trüben Wasser und auch die vielen rutschigen, schlammigen und steilen Stellen die wir überwinden müssen stellen kein Problem dar. Als es Abend wird nehmen wir eine ungeplante Abzweigung die ein wunderschönes Geschenk für uns bereit hält. Unser Traum vom Nachmittag wird plötzlich wahr! Plötzlich stehen wir an einer Flusskreuzung, in den dreckigen und mittlerweile Straßenbreiten Fluss fließt direkt aus den umliegenden Hügeln ein kleiner, sauberer und eiskalter Bach. An seinem Ufer eine wunderschöne Lichtung mit saftigen Weiden. Wie wenn das ganze nicht schon perfekt wäre führt das Bächlein viel Sand mit und hat uns einen traumhaften kleinen Sandstrand bereit gestellt.
Selig machen wir spontan Feierabend und gehen erst mal Baden. Da dieser Ort so traumhaft ist,bleiben wir auch den nächsten Tag, reparieren Equipment und optimieren die Packsättel für steilere Regionen.Während die Hunde planschen und die armen Frösche ärgern verstecken sich die Packtiere am Rande der Lichtung im Schatten vor der immer noch lachenden Sonne.
Am späten Nachmittag als wir gerade darüber nachdenken sie zu holen, sehen wir aus dem Augenwinkel das etwas nicht stimmt! Vollkommen sprachlos sehen wir Kamchi quer über die Lichtung im vollem Galopp auf uns zurasen! Sie rennt zum Lager, schmeißt sich auf den Strand und wälzt sich ausgiebig im Sand. Entzückt darüber das sie ihre unerwartete Freiheit ( durch das wiederholte verdrehen des Seils hatte sich der Spezialkarabiner gelöst) nicht genutzt hat um abzuhauen, sondern zu uns gekommen ist fallen wir erst mal über sie her und überhäufen sie mit Streicheleinheiten.
Unterdessen ist für die arme, total auf Kamchi fixierte, Aische eine Welt zusammen gebrochen. Allem Anschein nach hat sich ihr großes Vorbild und beste Freundin aus dem Staub gemacht und sie alleine gelassen. Bis ich endlich bis zu ihr geeilt bin, ist das arme Eselchen so aufgelöst das sie kaum noch ansprechbar ist. Endlich wieder im Lager, hängen wir die beiden in die Nähe unseres Zeltes damit die Herde endlich wieder vereint ist. Vielleicht auch etwas zu Nah ans Zelt.Langsam pirscht sich Aische heran während ich vor dem Zelt packe. Hier ein Blättchen, da ein Grashalm, und DA!! ist die Brottüte! Schnapp, ist die blaue Plastiktüte mit dem trockenen Brot halb im Maul des Esels verschwunden. Zum Glück ist sie anscheinend zu groß als das Aische sie auf einmal verschlingen kann. „Aische Nein!“ Ich sprinte also rüber um ihr die Tüte zu entreißen, und siehe da: Das sonst so faule Biest kann auf einmal laufen. „ Aische Stoi!“ Geschickt weicht sie aus während sie versucht die Tüte zu verschlingen. „ Aische bleib stehen!“ Endlich bekomme ich sie zu fassen…Natürlich bringt das zeihen an der dünnen Tüte nicht viel, also greife ich zu Trick 17: “Einmal kräftig ins Nasenloch pusten“ Ha! Gewonnen! Die Tüte wurde ausgespuckt!
Einen anderen Kampf mit diesem süßen, verfressenen Monster habe ich verloren: Eines Nachts wache ich lautem topfgeklapper auf. „ Diese verdammten Schakale plündern schon wieder unser Lager. Die Mistviecher machen sich über unser Mittagessen für Morgen her, und das direkt neben dem Zelt!“ Hektisch versuche ich mich zu Zelteingang ohne die seelenruhig schlafende Meute zu wecken. Als ich das Zelt öffne staune ich nicht schlecht, statt der vielen kleinen flüchtenden Schakale sehe ich einen großen Esel, der bereits alle Semmelknödel vernichtet hat und sich grade die Pilzrahmsoße schmecken lässt! Soviel zum grasfressenden Esel…..Bei einer anderen Gelegenheit hat sie versucht einen Hotdog zu klauen;)…der nächste Tag wird elendig heiß, und wir wandern auf der Herdplatte oder im schattigen Backofen. Die Süße Shina nutzt jede Gelegenheit um sich abzukühlen. Sie liegt in den Pausen gemütlich im Sumpfloch oder klettert in kühle Brunnen.
Am Abend sind wir alle von der gnadenlosen Hitze gezeichnet und bei mir bahnt sich anscheinend eine Erkältung an. Ich huste und mich fröstelt….macht nix, morgen geht es endlich auf den Berg! Nur noch 18 km und 1100 hm und wir sind wieder auf dem E3 und in den Bergen!
Der Wecker klingelt um 05.30 und es stehen auf, Julian, die Hunde und ein Astronaut….das bin ich…Mit einer gläsernen Glocke auf dem Kopf wie es sich für ordentliche Astronauten gehört,schwerfällig und langsam wie in einer anderen Welt.
So dauert es ewig bis wir endlich loskommen und es ist bereits beim Aufbruch elendig heiß. Der Weg führt durch ein steiles und kurviges Tal, rechts und links des Weges ragen Steile Felszinnen aus dem Wald. Und Skelette uralter, für den Bergbau errichteter, Betonriesen verstärken das Gefühl des Astronauten auf einem fremdem Planeten zu sein. Tapfer kämpft er sich dem fernen Gipfel entgegen, mit jedem Schritt gegen die enorme Gravitationskraft ankämpfend. Eingesperrt in seinen Anzug der Ihn aller Sinne beraubt gaart er vor sich hin, während die merkwürdige Physik des Ortes den Gipfel in immer weitere Ferne rücken lässt. Dann endlich kommt die langersehnte Landmarke die auf ein baldiges Ende seiner Tortur und des erreichen des Gipfels hoffen lässt. Als er jedoch hinter der nächsten Kurve noch oben blickt, scheint das Ziel noch immer hunderte Kilometer und tausende Höhenmeter entfernt zu sein! Dicke Tränen kullern unter dem Astronautenhelm…..wie soll er das Ziel jemals erreichen so entkräftet wie er ist? Er atmet tief durch und beißt die Zähne zusammen, denn seine Wegbegleiter brauchen das Grass das erst in der nähe des Gipfels zu finden ist. Nach einer gefühlten Ewigkeit und ca. 3km vor dem Ziel erreichen Julian, die Hunde, Maultier, und Esel mit dem Astronauten im Schlepptau eine verlassene Bergbausiedlung. Auf einer saftigen Wiese in einem ehemaligen Garten bricht der erschöpfte Astronaut zusammen und schläft fröstelnd ein. Fiebrig und bei jedem Schluck Wasser gegen die Übelkeit ankämpfend verschläft er auch den ganzen folgenden Tag und mit jeder Schlafsequenz und intensiven Fieberträumen blättert eine Schicht des Astronautenhelms ab.
Julian nutzt die Zeit und kundschaftet die Gegend aus. Er besteigt den 1500 Meter hohen Chumerna der sich zu seiner Enttäuschung leider nur als großer Grashügel entpuppt, und inspiziert die nahegelegene Berghütte.
Der Astronaut schläft. Nach einer gewittrigen Nacht und stundenlangem entfernten Donner grollen wache ich auf. Ich habe Kopfweh, Durchfall, mir ist schwindelig und ich bin mir inzwischen sicher das ich keine Erkältung habe. Da ich immer noch nicht richtig klar denken kann, der nächste Mensch ca. 45 Min Fußweg entfernt ist und der nächste Arzt für die 40 – 50 km Waldwege von nächsten Ort aus wahrscheinlich Stunden brauchen würde, fühle ich mich etwas verunsichert und beschließe unseren liebenswerten Hausarzt anzurufen und ihn um Rat zu bitten. Eine gute Idee, denn nach dem Gespräch fühle ich mich extrem Erleichtert, denn so wie es aussieht leide ich an einer Hitzeerschöpfung. Einige Liter Wasser, Elektrolyte, und Ruhe sollten mich wieder genesen lassen. Tatsächlich, und vor allem Gott sei Dank bin ich nach 3 Tagen wieder fröhlich und putzmunter. Es war doch etwas unheimlich mitten im Dickicht krank zu sein und vor allem nicht zu wissen was einem fehlt.. Ich war so benebelt das ich nicht in der Lage war die mir eigentlich bekannten ( jedoch weit heftigeren als erwartet ) Symptome zuzuordnen.
Um wieder richtig zu Kräften zu kommen nächtigen wir am nächsten Tag in einer 3km entfernten Berghütte. Gegen Abend trifft eine Gruppe „kleiner Gangster“ , mit Tätowierungen und Pitbull bei der Hütte ein die hier einen Feuchtfröhlichen Abend verbringen wollen. Schnell werden wir von den Jungen netten Männern an Ihren Tisch eingeladen. Das ist hier schon fast der Regelfall! Überall und ständig werden wir auf Kaffees eingeladen und über unser Vorhaben ausgequetscht. Wir unterhalten uns vor allem mit Daniel „dem Gangster“ sehr nett, er spricht gut Deutsch und fließend Englisch.
Er ist überglücklich uns getroffen zu haben. „ Ich bewundere euch meine Freunde! Was ihr macht ist einfach Großartig und ihr seid so fröhlich!“. Als er nach einigen Stunden und einigen Gläsern Schnaps richtig auftaut bestätigt sich unsere Vermutung vom „ Gangster“.
„ Ach meine Freunde, ihr seid so gute Menschen und so anders. Ich bewundere euch. Ich bin kein guter Mensch. Ich trage soviel Wut in mir, wenn mir einer blöd kommt mach ich ihn platt! Aber ihr braucht keine Angst zu haben, ich bewundere euch. Schade das ich hier nicht solche Freunde habe wie euch! Nein ich werde euch ganz sicher nichts tun…“
In Einem Land mit massenhaft zerschossenen Straßenschilden, in dem anscheinend jeder eine Waffe hat, und in dem an jedem Lokal, jeder Bank und jeder Tankstelle Schilder hängen die das Betreten mit Waffen verbieten, eine durchaus beruhigende Aussage.
Witziger Weise waren es oft Randgruppen mit denen wir besonders nette Kontakte hatten…irgendwie waren wir uns ähnlich…. Zum Beispiel schenkte uns eine Gruppe der hier so verschrieenen und „diebischen“ Zigeuner ihr gesamtes Wasser und eine große Tüte Gemüse als wir sie nach dem nächsten Brunnen fragten. Überhaupt werden wir hier immer reich mit Essen beschenkt, so gab uns ein Hirte seine frisch gesammelten Pilze, und kam extra am nächsten Morgen aus seinem 5km entfernten Dorf um uns frisch gemachte Pfannkuchen vorbeizubringen. Auch Kirschen, Tomaten, Rakir, Sujuk, Hundefutter, Schaschlik, Fisch und vieles mehr hat unseren sonst kargen Speiseplan bereichert. Wie gesagt alle hier sind sehr freundlich und hilfsbereit.