12.05 – Der Sturm

Nachdem bulgarischen Wasserritual für einen guten Weg waren wir (wie jeden Morgen aufs neue…)
fest davon überzeugt das nun alles einfacher wird.
Nach einigen Umwegen ( wie jeden Tag aufs neue 😉 haben wir dann am Abend einen malerischen Platz auf einer grasigen Hügelkuppe bezogen und genießen die letzte Aussicht auf die Küste des schwarzen Meeres. Hinter uns taucht der Sonnenuntergang die bewaldeten Hügelkuppen und die flockigen Wolken in feuriges Rot und das heulen der Schakale gibt unserem Abendmahl die nötige musikalische Untermalung. Auch die nächsten Tage kommen wir trotz der schlechten Karten und der teils kaum noch sichtbaren Wegmarkierungen ( teils auch einfach illegaler Abholzung zum Opfer gefallen) einigermaßen voran. Leider haben wir ja nur eine ca. zwanzig Jahre alte Karte des Fernwanderweges E3 Kom-Emine, und dieser wird heutzutage anscheinend kaum noch begangen. Des weiteren wurden Teile des Weges verlegt, und decken sich nicht mit unserer Karte. Und egal ob alte oder neue Route, eines der Probleme ist das sie Teils gut benutzten Waldwegen folgt, und dann unvermittelt und ohne Markierungen ins Dickicht abbiegt. So haben wir im letzten Monat fast eine Woche mit Umwegen, verlaufen und zurück laufen verloren. Die zuverlässigste Karte die wir haben ist eine 1:500k Straßenkarte von Bulgarien;). Die neuen Wanderkarten sind wie schon erwähnt leider genauso unzuverlässig. Zwischendurch führt uns der Weg immer wieder durch kleine Dörfer die aber soweit auseinanderliegen das es nie ein Problem ist einen schönen und abgeschiedenen Schlafplatz zu finden. Auch die Wasserversorgung , da es in dieser türkisch geprägten Region Tradition ist für verstorbene einen „Cesma“ ( Brunnen) zu errichten. So nehmen wir dieses Geschenk der toten dankbar und ehrfürchtig an, die uns in dieser ansonsten teils recht trockenen Region mit dem kostbarsten aller Güter versorgen.

Mit Aykut hatten wir vor unserem Aufbruch in der Gegend von Planinica ein kleines „Mountain-BBQ“ vereinbart. Wir haben unser Lager in der Nähe von Icera auf einer kleinen Bergwiese mit herrlichem Ausblick aufgeschlagen und Aykut und seine Frau kommen uns mit einem bis unters Dach beladenen Auto besuchen. Klapptisch, Stühle, Essen und Getränke werden auf den Berg geschleppt und wir verbringen einen sehr netten und gemütlichen Abend vor dieser traumhaften Kulisse. Don und ich futtern als hätten wir seit zwei Wochen gefastet und wir kaum noch laufen können und die Reste des BBQ reichen uns noch die nächsten 2 Tage.
Kurz hinter Planinica treffen wir uns nochmal mit Aykut damit ich mit ihm nach Aytos fahren kann um nochmal Einzukaufen und unser letztes bei Ihm gelagertes Equipment abzuholen bevor es endgültig in die Wildnis geht.
Nachdem wir voll Aufmunitioniert sind und ein weiter Tag vergangen ist bis all das Essen und Equipment ordentlich verstaut ist, brechen wir bei aufziehendem Nebel und immer stärker werdendem Wind zur nächsten Etappe auf. Wir folgen einem grasigem Hügelkamm der sich in viele kleine Gipfel gliedert und zu beiden Seiten steil in die Wälder abfällt. In den nächsten zwei Stunden wird der Nebel immer dichter und man sieht keine zwanzig Meter weit, und der Kompass muss das erste mal ausgepackt werden um in dem Gewirr aus kleinen Wäldchen, Lichtungen, Gipfchelchen und Sätteln die Richtung zu halten.Aus dem Wind ist mittlerweile ein ernstzunehmender Sturm geworden der mit aller Gewalt versucht uns von den Beinen zu fegen und sogar die Packtiere ins Straucheln bringt. An ein weiterkommen ist irgendwann nicht mehr zu denken, die letzte Wegmarkierung war auch schon Stunden her, und selbst mit dem GPS ist kein ordentlicher Weg mehr zu finden. Also suchen wir auf der Leeseite des Kammes nach einem Platz für ein Notbiwak,und finden nach ewigem Gesuche einen halbwegs geschützten Platz hinter ein paar Büschen die uns etwas Windschutz bieten sollten. Zwar ist der Boden grausig schief, aber wenigstens können uns hier keine größeren Bäume um die Ohren fliegen.
So verbringen wir eine fast schlaflose Nacht im Orkan und hoffen das unser Zelt nicht in Fetzen zerlegt wird. Jede Stunde muss einer raus in den peitschenden und eiskalten Regen um die ausgeleierten Zeltheringe neu einzuschlagen, und wenn der Orkan mal ein wenig nachlässt dann nur um den Blitzen den nötigen Nachdruck zu verleihen wenn sie in die Bäume und uns umgebenden Gipfel einschlagen, und der Donner der uns von den Isomatten rüttelt nicht vom knattern der Zeltplane übertönt wird.
Als es endlich dämmert, hat sich der Orkan einigermaßen ausgetobt, und nur noch ein leichter Sturm treibt schwere Regenschwaden über die eingeweichten und zerfetzten Wälder.
Nachdem ich auch bei etwas besseren Verhältnissen mal wieder keine Spur von unserem Weg entdecken kann,und die anderen Wege ins Tal durch den Sturm unpassierbar sind reicht es uns endgültig und wir beschließen einen Tag zurückzugehen und den neuen und hoffentlich besser markierten weg zu nehmen. Auch wenn wir dafür kein Kartenmaterial haben und der Weg uns ins Unbekannte führt kann es ja nur besser werden…dachten wir mal wieder….ausnahmsweise finden wir im abstieg mal eine Abkürzung und können so ein paar Kilometer sparen und landen Abends im Tal auf einer Bergwiese, ziemlich genau unterhalb des Gipfels hinter dem wir die letzte stürmische Nacht verbracht haben.
Am nächsten Tag bekommen wir die Auswirkungen des Orkans das erste mal deutlich zu spüren.
Auf dem Weg liegen alle fünfzig Meter umgestürzte Bäume die wir entweder querfeldein umgehen müssen oder in mühevoller Arbeit mit Machete und Säge zerlegen müssen. Am nächsten Tag kommts noch schlimmer. Zwar können wenigstens die vom tagelangen Dauerregen durchnässten Kleider die wir am Leib haben in der sengenden Sonne trocknen, aber sobald wir wieder in den Wald kommen erwartet mich wieder schweißtreibende Arbeit mit der Machete. Zurück, abstieg ins Tal und ohne vernünftige Karten einen anderen Weg suchen würde mal wieder Tagelange Umwege bedeuten, und wir sind das ewige umkehren und Kilometerweit zurückkaufen langsam echt leid. Also Augen zu und durch. Gegen Mittag breche ich auf einen frisch geräumten Forstweg und stehe einem dutzend Waldarbeiter gegenüber die mich, Machete rechts, voll beladenes Muli links natürlich total fassungslos anstarren. Nach kurzer und sehr holpriger Verständigung winken sie uns den Forstweg weiter an dem auch frische Wegmarkierungen prangen. Nach 500 Metern hat es sich aber wieder mit der Freude und die ersten kleinen Büsche und Bäume liegen wieder über dem Weg. Naja aber die meinten ja da lang, also kanns ja nicht so schlimm sein….
Wieder ein grober Irrtum, und es wird immer verwüsteter…aber wieder ein paar Kilometer zurück, und mal wieder auf gut Glück einen anderen Weg suchen, dazu haben wir auch wenig Lust.
Und schlimmer als die bisherigen Sturmschäden kann es ja gar nicht mehr werden.;) Wurde es natürlich doch…Fünf Meter über abgebrochenes Geäst, und dann wieder den nächsten Baum zerlegen, oder neben den Weg ins Dickicht ausweichen. Und egal wo lang wir es versuchen, muss ich erst mal mit der Machete einen Korridor frei hacken. Die beiden Packtiere machen sich in diesem unwegsamen und beinbrecherischem Gelände wirklich super, und vor allem Kamchi bricht wie ein Bulldozer durchs Gebüsch. Trotzdem meint Sie irgendwann das es jetzt reicht und der gemütliche Stall doch vorzuziehen ist….Kurzerhand dreht Sie um, reist sich los und galoppiert in das frei gehackte Labyrinth. Zum Glück bleibt sie recht bald stecken so breit wie sie beladen ist, und ich kann sie wieder einfangen. Würde sie mit unserem ganzen Equipment durchgehen wäre das wohl das Ende unserer Reise. Auch wenn wir aus genau diesem Grund das nötigste in den Rucksäcken haben, wäre das hier zwei Tagesmärsche vom nächsten Dorf entfernt echt ungemütlich.
Keine 30 Minuten später ist es wieder soweit, Kamchi dreht um und gibt Gas……Bis ich sie diesmal wieder eingefangen habe dauert es länger und alle beteiligten sind mit den Nerven am Ende. Umkehren fällt aus Prinzip eh aus, und bei der Aussicht mit einem durchdrehenden Muli durch das Labyrinth zurückzugehen dreht sich mir spontan der Magen um. Und da es bald dunkel wird schlagen wir an Ort und Stelle unser Notlager im Dickicht auf. Zum Glück haben wir noch ein wenig Heu für die Tiere, und in einem Rinnsal Wasser graben wir ein paar Gumpen um uns mit Wasser zu versorgen. Feuer ist natürlich Pflicht, alleine schon um ruhe vor den Horden von Schakalen zu haben. Letzte Woche hat sich trotz Feuer ein Rudel von 10-15 Schakalen bis auf 20 Meter an unser Lager herangeschlichen und war nur mit lautem Gepfeife und kläffenden Hunden zu verscheuchen….
In der Morgendämmerung mache ich mich mal wieder auf die Socken um den Weg auszukundschaften. Nach 200 Metern endet der schlimmste Windbruch und ich finde einen vermeintlich gut machbaren weg der ins Tal zu führen scheint. Am Abend haben wir den Plan mal wieder geändert und haben beschlossen die nächsten 120km über Dörfer zu laufen, da ein vorankommen in den Orkan zerpflückten Bergwäldern unmöglich scheint, und wir so auch nicht die Futterversorgung der Packtiere gewährleisten können.
Also Packen wir unsere Sachen, und die nächsten 2 km ins Tal die ich bereits Ausgekundschaftet habe laufen erstaunlich gut. Aber wie sollte es anders sein, stecken wir bald wieder im Windbruch fest, und teilweise enden die Wege in so schlimmen Chaos das ich nicht mal ohne Rucksack durchkriechen kann. So quälen wir uns bis in den späten Nachmittag, versuchen es auf verschiedensten wegen, aber es bleibt uns keine Wahl als den nächsten riesen Umweg in Kauf zu nehmen und auf der anderen Seite der Berge abzusteigen. Dort finden wir zum Glück einen Weg der vom Orkan verschont wurde und gegen frühen Abend erreichen wir das gelobte Land! Eine kleine Lichtung mitten im Wald, eine saftig grüne Wiese mit reichlich Futter für die Tiere, einem Cesma und auch unser E3 geht von dieser Lichtung aus ins Tal

Die nächsten Tage laufen wir also durchs Flachland, werden aber trotzdem immer wieder mit den folgen des Sturms konfrontiert. Straßen sind überflutet und unpassierbar, aus Feldwegen sind reißende Bäche geworden, und die folgenden zwei Wochen regnet es fast ununterbrochen. So sitzen wir insgesamt fünf Tage lang fest, weil wir oft die Packtiere einfach nicht trocken bekommen oder im strömenden Regen nicht aufsatteln können da die Strohpolsterung der Packsättel nicht nass werden darf. Das alles wirkt sich natürlich ziemlich negativ auf die Moral aus, und so beschließen wir uns in der Nähe von Sliven ein Zimmer oder ähnliches zu suchen. Erstens sind sämtliche Klamotten nass, verdreckt und kurz vorm verschimmeln, unsere Füße bekommen schon langsam Schwimmhäute in den durchweichten Stiefeln und durch die neuerlichen Verzögerungen reichen unsere Vorräte nicht mehr aus um die restliche Strecke bis zum nächsten Depot in Karlovo zu schaffen. Also steuern wir Karandlile, ein kleines Touristendorf in den Bergen oberhalb von Sliven an und wieder aller Erwartungen finden wir ein recht modernes Hotel, das sogar einen alten Stall hat wo wir die Tiere nachts unterstellen können. Auch gibt es in der Nähe des Hotels „ Weißer Bär“ einen kleinen abenteuerlichen Sessellift ins Tal, so das wir Problemlos die Einkäufe in Sliven erledigen können und uns nicht für die 30km lange Straße ins Tal ein Taxi leisten müssen. Falls sich noch Zeit findet wollen wir uns noch die nicht allzu riesigen aber immerhin felsigen Gipfel und Grate in der näheren Umgebung und im „ Sinite Kamami“ Park anschauen. Ein gerades weiches Bett, gutes Essen im Restaurant, und trockene und saubere Kleider heben die angeschlagene Laune natürlich beträchtlich, und so sind wir bereit wieder in die Berge aufzusteigen und die nächste Etappe durch die Wildnis bis zum Depot in Karlovo in angriff zu nehmen.

Natürlich gäbe es noch seitenweise mehr zu berichten, über die sagenhafte und traumhaft schöne Natur, die herzlichen und gastfreundlichen Menschen die uns immer wieder reich beschenken und diverse andere kleine Abenteuer. Aber würden wir über jeden einzelnen Tag berichten würde das wohl den rahmen des machbaren sprengen, und wir kämen vor lauter getippe gar nicht mehr vom Fleck.

Leider sieht es bereits jetzt so aus als können wir die Strecke zurück bis nach Deutschland wohl kaum bis zum Winter schaffen. Der kauf der Tiere, der Papierkram, und die Packsättel haben bereits vier Wochen länger gedauert als kalkuliert, die schwierige Navigation und der Sturm haben uns mindestens zwei bis drei weitere Wochen gekostet. So sind wir bereits jetzt etwa sieben bis acht Wochen hinter dem Zeitplan, und man kann nicht davon ausgehen das die Wege besser werden, geschweige denn das wir es schaffen die verlorene Zeit wieder aufzuholen.
Aber das Hauptziel unserer Reise war ja sowieso eine möglichst gute Zeit in der Wildnis zu verbringen, und die Strecke ist ja nur das Mittel zum Zweck. Also werden wir schauen wie weit wir kommen, und dabei unser Vergnügen an erste Stelle setzten. Was hätten wir davon wenn wir mit aller Gewalt bis nach Deutschland marschieren, und zu Hause dann nur von Hektik,Stress und Strapazen berichten könnten?