Die Qual der Wahl (Julian)

So erreichen wir ausnahmsweise mal schneller als erwartet das Massiv der Kaloferska Planina in dem sich auch der höchste Berg ( Botev 2376m) des Balkangebirges erhebt.
Eigentlich wollten wir an diesem Tag zu einem Sattel auf knapp 2000m aufsteigen um dort zu Biwakieren, aber die letzten Tage haben mich etwas mitgenommen und ich fühle mich trotz der brütenden Hitze leicht Erkältet und um uns herum türmen sich mächtige Gewitterwolken auf. So bleiben wir bereits Mittags bei der Hütte „Mazalat“ und ich versuche mich etwas zu erholen.
Auch dort schließen wir mal wieder viele nette Bekanntschaften, werden mit Kartenmaterial, Essen und guten Ratschlägen zu unserer geplanten Route durch das Massiv unterstützt. Gegen Abend Brechen dann schwere Gewitter in den uns umgebenden Bergen los und wir sind froh nicht schutzlos auf dem Sattel zu sitzen.
Das Wetter scheint hier im allgemeinen etwas schwerfälliger zu sein als in den Alpen. Bei Wolken bei denen Daheim jeder panisch sein Zeug in die Hütte schafft wir hier der Grill angeworfen, gemütlich gegessen, die eine oder andere Flasche Rakir geleert und dann gemütlich ins Bett gegangen bevor das Wetter losbricht. So nehmen es die Leute hier es auch entsprechend entspannt mit dem Wetter, was wir aber nicht nachvollziehen können und uns lieber auf unsere schlechten Erfahrungen und Vorsicht verlassen.
Für den nächsten Tag steht das erste richtig alpine Stück an und wir konnten bereits von der Hütte aus den beeindruckenden Grat besichtigen den es zu meistern gilt. Ohne Packtiere ein gemütlicher Spaziergang, aber da die beiden das erste mal in den Bergen sind, sind Don und ich etwas nervös.
Am Vorabend haben wir die Route mit dem Hüttenwirt durchgesprochen. „Alles kein Problem, da sind zwar ein paar Kletterstellen, aber da müsst ihr einfach durch die steile Flanke gehen…. da sind ein paar Spuren von Pferden, folgt denen einfach.“ Ansonsten ist es laut seiner Aussage bis kurz hinter den Botev kein Problem, dann kommen allerdings einige zu steile Gipfel mit Klettersteigpassagen, die Route durch die Flanke kenne er allerdings nicht und wir müssten uns auf den nächsten Hütten weiter informieren. Auch erweist uns auf ein Rudel von 5 äußerst aggressiven verwilderten Hunden hin die diese Flanke unsicher machen sollen.
So beobachten wir beim Packen nervös die Überreste der Gewitterwolken, aber der Hüttenwirt versichert uns nach kritischem Blick ‘gen Himmel das es Heute nicht gewittert und es frühestens Nachmittags regnen könne.
Als wir grade aufsatteln wollen schwappen die ersten dichten Nebelschwaden über unseren Grat und bestätigen unser ungutes Gefühl mit dem Wetter. Als auch die Hütte im Nebel versinkt interviewen wir erneut den Hüttenwirt…“ Niema problema!“ wiegelt er unsere Bedenken ab und der wird das Wetter hier schon kennen…
Also starten wir nervös in die Suppe und beginnen mit unserem Aufstieg. Die ersten für die Packtiere schwierigen Stellen meistern die beiden ohne Probleme. Zwar muss man sie sehr präzise und konzentriert führen um sie durch die Felsigen Passagen zu bringen und damit nicht einer auf die Idee kommt in die steile Flanke auszuweichen wo das leckere Gras wächst. Auch müssen wir uns immer genau überlegen was man im Notfall auch wieder mit den Tieren absteigen kann. Aufgrund der Anatomie und der Packsättel ist es Rauf um einiges einfacher als Runter.
Auf dem doch recht breiten Grat sinkt die Sicht teils auf unter 5 Meter, und wir sind froh das hier die meisten Routen mit äußerst dekorativen schwarz-gelben Stahlpfosten markiert sind.
Auch der Wind ist mittlerweile zum Sturm geworden, und wir werden trotz der entspannten Wetterprognose des Hüttenwirts immer nervöser.
Nach 1,5 Stunden Blindflug sind wir an der besagten Kletterstelle und irgendwo im Nebel finde ich dann einen Pferdeapfel. Das muss unser Weg sein! So folge ich erst mal alleine den Hufabdrücken und Äpfeln bis diese dann in der steilen Flanke zu einem gut gangbaren Steig werden der auf einem schmalen Grasband geschickt die Felszinnen und Abbrüche umgeht. Auf dem Rückweg zu den anderen fällt die Temperatur stark ab und das ist für ans das unmissverständliche Zeichen das es bald losgeht mit dem Wetter und es Zeit wird umzukehren.
Und wieder hat sich unser Gefühl fürs Wetter bestätigt, auf dem halben Weg zurück beginnt uns der Regen ins Gesicht zu peitschen und aus Richtung der nun hinter uns liegenden Gipfel ist lautes Donner grollen zu hören.
Der Hüttenwirt empfängt uns grinsend mit einer „ Ja was macht ihr denn schon wieder hier?“ Geste, und so verbringen wir einen weiteren Nachmittag beider Hütte was sich für uns als großer Seegen herausstellt. Wieder schließen wir viele nette Bekanntschaften, unter ihnen auch ein Bergführer der diese Gegend wie seine Westentasche kennt.
Er empfiehlt uns für das vieldiskutierte Stück hinter dem Botev eine Route durch die Flanken die wir uns auch schon überlegt hatten. Laut seiner Aussage wäre dieser Weg perfekt und auch mit den breit beladenen Tieren einfach zu machen.
So machen wir uns am nächsten Morgen bei strahlendem Sonnenschein erneut an die Etappe die wir am Vortag abbrechen mussten. Das erste Gratstück ist bei gutem Wetter nur halb so furchterregend, und die besagte Kletterstelle an einem der Zwischengipfel umgehen wir auf dem Pferdeweg. Dieser ist ohne Nebel und mit entsprechendem Tiefblick dann doch spannender als erwartet, stellt aber für die Tiere kein Problem dar. Die Gruppe die ca. 45 Minuten vor uns an der Hütte aufgebrochen ist überholen wir bei dem Ausweichmanöver und man versucht uns verzweifelt darauf aufmerksam zu machen das wir auf dem falschen Weg sind und in die gefährliche Steilflanke geraten;)
Als wir unsere Graspause grade beenden tauchen die ersten erstaunten Gesichter auf dem Gipfel auf den wir grade umgangen haben .
Der Rest des Weges bis zur nächsten Hütte ( mal wieder Gewitter im Anmarsch) gestaltet sich leider wenig spannend. Es geht über ein welliges Hochplateau das von einer Straße zerfressen wird. Auch die umliegenden Gipfel ähneln eher graßbedeckten Hügeln, und so schlagen wir dankend das Angebot des Bergführers aus noch einen von ihnen auf dem Weg zur Hütte mitzunehmen. Kurz vor der Hütte dann wieder ein unerwartetes Problem. Sämtliche Durchgänge in den kleinem Tal in dem wir mittlerweile sind wurden mit Schranken abgesperrt um Motorradfahrer fernzuhalten. Und damit werden auch unsere Packtiere ferngehalten……Als ich nach einer guten Stunde Gesuche nach einem anderen Weg bereits das Werkzeug auspacken will um eine Schranke zu demontieren, taucht zu unserem Glück jemand aus dem nichts auf der einen passenden Schlüssel hat. Das sind halt die unerwarteten Probleme mit denen man mit den Tieren zu kämpfen hat.
Nachdem wir wiedermal einen Tag Wetterbedingt festgesessen sind und gezwungen waren uns zu erholen, können wir uns endlich zu dem höchsten Berg unserer Etappe in Bulgarien aufmachen.
Leider beginnt es gegen Mittag wieder zu zuziehen und bis auf wenige Ausblicke verbringen wir den Rest des Tages im eisigen Nebel der von stürmischen Böen über die Berge getrieben wird.
Die grasige Flanke des Botev über die wir aufsteigen ist leider von Straßen und Abkürzungen die Motorradfahrer angelegt haben zerfressen und wir sind froh das der Nebel ein dichtes Leichentuch über die zerstörte Landschaft legt. So ist eins der erhofften Highlights in Bulgarien einfach nur hässlich und aufgrund der über 1300hm tierisch anstrengend.
Als wir den Gipfel der von einer riesigen Wetterstation besetzt wird bereits verlassen klar es dann doch noch einmal für 5 Minuten auf und wir können die erhoffte Aussicht genießen. Und das auf Bulgariens windigstem Berg der sich angeblich meist in den Wolken versteckt. Nach weiteren 400 Metern Abstieg, die wir wegen der erschöpften Tiere in viele kleine Etappen unterteilen müssen, kommen wir bei einer kleinen Berghütte an. Auf den umliegenden total abgegrasten Weiden leben mehrere Herden Pferde und Kühe die unseren verhungerten Packtieren alles Gras weggefressen haben.
Mit dem Hüttenwirt und Besitzer der Pferde gehen wir mal wieder unsere Route durch, und seine Meinung unterscheidet sich mal wieder grundlegend von den bisherigen..Erst durch die Flanke, dann das Waldstück umgehen, Weglos auf den Grat aufsteigen ( vor dem uns alle anderen gewarnt hatten), und seine 2 Freunde schlagen noch 2 weitere Möglichkeiten vor. Auch die anderen Gäste nehmen freudig an der Diskussion teil und so eröffnen sich uns ungeahnte Möglichkeiten…;)
Angeblich ist jeder Weg perfekt gangbar und mit Sicherheit nicht zu schaffen mit den Tieren.
20 Leute, 20 Meinungen….
Da Unsere Vorräte nur noch für wenige Tage und somit für einen Versuch reichen haben wir die Qual der Wahl, sollen wir uns auf einen erfahrenen Bergführer verlassen, auf die Leute die da schon mit Pferden lang sind, oder doch auf die Gruppe erfahrener Bergsteiger….und natürlich kennt jeder das Gebiet wie seine Westentasche. Und falls sich ein Weg als nicht Machbar herausstellen sollte würden wir ohne Essen und Wasser in der Flanke stecken…..ganz abgesehen davon könnten wir uns unversehens irgendwo rein manövrieren wo wir die Packtiere nicht wieder heil rausbekommen könnten. Des weiteren berichtet uns die andere Gruppe Bergsteiger das sie von dem verschrieenen Rudel wilder Hunde angefallen wurde, und sich die 4 Männer nur mit Mühe und Not ihrer Haut erwehren konnten. Das ist dann das ausschlaggebende Argument. Wir müssten auf jeden Fall durch ihr Revier, und sollten das Rudel uns dabei erwischen, müsste Don unsere 2 Hunde und die 2 Packtiere unter Kontrolle halten, während ich mich alleine mit den 5 Hütehunden ( Wurden gezüchtet um Viehherden vor Bären und Wölfen zu beschützen; können gute 40kg schwer werden und sind äußerst Selbstbewusst) herumschlagen müsste.
Also beschließen wir die einzig sichere und vernünftige Route zu wählen, aber auch die bitterste für uns: Zurück über den Botev, und dann die Versorgungsstraße der Wetterstation ins Tal Abzusteigen. Sind ja nur ca. 50km und knappe 2000 hm Auf- und Abstieg extra….
Als wir das 2te mal in 2 Tagen auf dem Gipfel des Botev stehen ist das Wetter dort ausnahmsweise mal gut und wir haben eine perfekte Aussicht auf den Bergkamm über dessen Gipfel oder durch dessen Steilflanke wir uns hätten kämpfen müssen.
Ohne Tiere wäre sicher jede der Varianten ein Genuss gewesen, doch mit den Packtieren sieht es zumindest aus der Entfernung nicht besonders Vernünftig aus. Auch zwei Hirten und ehemalige Bergsteiger die wir im laufe des Abstieges treffen Bekräftigen unsere Entscheidung und meinen keiner der Wege wäre sicher gewesen für die Tiere. So quälen wir uns 2 Tage lang ins Tal,aber wenigstens werden wir mit einen traumhaften Schlafplatz in einem kleinen Hochtal mit frischem Quellwasser und saftigen Weiden belohnt.
So schlagen wir am Abend des 2ten Tages unser Basislager in der Nähe des kleinen Kurortes Panitsite auf, um von dort aus die nötigen Einkäufe zu erledigen, den Nachschub aus dem Depot in Karlovo zu holen, Equipment zu pflegen und zu reparieren, um dann endlich wieder in die Berge aufsteigen zu können.