01.05 – Ein Stadtmensch in der Wildniss (DON)

Endlich ist es soweit! Nach all den Verzögerungen steht der Termin. Um 08.00 fährt Mr. Georgi Basotev mit dem Pferdetransporter vor, und wir beginnen zuerst unser ganzes Gepäck zu verladen. Aische lässt sich dank des Trainings problemlos mit ein paar Stücken Karotte in den Hänger locken. Don bekommt von einem der vielen netten Einsteller etwas Unterstützung, Decke über den Kopf, Spezialkonten an Halfter und Führstrick, und problemlos ist auch Kamchi in den Hänger befördert.
Auf Grund des Tipps eines Freundes von Georgi den wir auf dem Weg nach Emona besuchen lassen wir den Anhänger in Irakli, einem kleinem Dorf am Meer zu Füßen des Berges auf dem sich Nos Emine befindet stehen und kundschaften den weiteren Weg erst einmal mit dem Jeep aus. Schon nach wenigen Metern erweist sich das als gute Entscheidung. Das Fahrzeug kämpft sich nun über klägliche Überreste einer ehemaligen Straße. Kleine Asphaltinseln die durch Regenfälle in zum Teil 50 cm hohe Plateaus verwandelt wurden erinnern an gute Zeiten des einzigen Weges nach Emona. Obwohl der todesmutige Georgi beteuert diese strecken mit dem Pferdeanhänger bewältigen zu können beschließen wir, den Tieren zu liebe in Irakli zu bleiben. Georgi ist so nett und fährt mit uns trotzdem bis ans Cap, wo wir die malerische Aussicht genießen. Uns wird klar das wir endlich unseren Startpunkt erreicht haben und es jetzt losgehen kann! Nach all den Anstrengungen und der Aufregung der letzten Wochen können wir es kaum glauben dass es endlich soweit ist.

In Irakli schlagen, an einem der schönsten Plätze an denen wir je gewesen sind, schlagen wir unser Lager auf. Am Ufer eines kleinen Flüsschens dass sich in einer sanften kurve zwischen einem lichten, maigrünem Wäldchen und dem weißen stand ins Meer ergießt stellen wir unser Zelt auf. Nach dem wir uns hier zwei Tage ausgeruht haben sind wir endlich bereit zum Aufbruch.

Um nicht in der enormen Hitze laufen zu müssen stehen wir, auch in den folgenden Tagen, mit der Dämmerung auf und beginnen unser ganzes Equipment zu packen…Weidezaun und Zelt abbauen, die ca. 65 kg Ausrüstung und Essen in die Satteltaschen packen, unsere beiden Rucksäcke mit insgesamt ca. 30kg vollstopfen, die Tiere putzen,………! Vor allem der Zaun und die Packtaschen erweisen sich , auch in den folgenden Tagen als verhasste Zeitfresser. Die Seile des Zauns müssen immer sehr akkurat, ohne sich zu verdrehen aufgewickelt werden, da sonst die dünnen stromleitenden Drähtchen brechen und die Funktion des Zauns zu nichte machen. Diese Prozedur kostet und durchschnittlich 30 min. Die Packtaschen sind da nicht viel besser vor allem da wir jeden Tag solche Mengen an Nahrung vertilgen ,das sie jeden Tag neu ausbalanciert werden müssen. Wie wir später an diesem Tag lernen werden ist es sehr wichtig beide exakt gleich schwer zu packen. Ungeübt und unerfahren beladen wir eine von beiden mit 1,5 Kg zu wenig. Als wir uns dann eingelaufen haben und Kamchi mit schwungvollen schritten den Berg hinauf stapft, passiert der Supergau! Hinter mir scheppert es und es gibt einen Ruck am Seil! Als ich mich umdrehe muss ich mit Entsetzen feststellen das der Sattel samt Packtaschen auf eine Seite gerutscht ist uns nun halb unter der schwer schnaufenden Kamchi hängt, die gegen einen Panikanfall kämpft. Zum Glück lässt sie sich mit ein paar Worten beruhigen und bleibt extrem cool bis wir sie aus dem ganzen durcheinander aus Gurten und Taschen befreit haben. Also Gewicht ordentlich verteilen und nachgurten!

Nach ca. 3 stunden Marsch und ca. 10 km in denen das Maul(-Tier) ein unglaubliches Tempo vorgelegt hat, kommen wir müde aber glücklich am östlichsten Gipfel Bulgariens, nahe Nos Emona an wo wir unser Nachtlager aufschlagen werden. Unter uns breitet sich ein wunderbarer Ausblick auf das Cap und die Küste des Schwarzen Meeres aus! Der perfekte Platz für die erste Nacht. Bis Zelt, Zaun, und Feuer soweit sind ist es dann schon wieder dunkel, und so genießen wir unser Fertigfutter im Mondschein.

Um uns alle nicht zu überfordern haben wir uns für die nächsten Tage nur kurze Etappen vorgenommen. Trotzdem haben wir immer wieder Probleme die laut Karte nur ca. 6 Km langen Etappen zu bewältigen. Das liegt zum einen daran, dass die Wegmarkierungen, wenn sie nicht im Laufe der Zeit abgeholzt wurden nur noch schwer zu erkennen sind und zum anderen an der Ungenauigkeit der Karten die wir zur Verfügung haben.Sie scheinen mindestens 10 Jahre alt und sehr ungenau zu sein. Auch die in Burgas neu gekaufte Wanderkarte, welche laut Hersteller vor 2 Jahren neu aufgelegt wurde stimmt hinten und vorne nicht! Anscheinend hatte sich keiner die Mühe gemacht sie bei der Neuauflage zu Aktualisieren. Auf beiden Karten stimmen weder die Angaben über die Art und Zustand der Wege/Straßen, noch über angebliches Grasland, welches für unsere grasfressenden Gefährten von größter Wichtigkeit sind.
Unser Weg soll also laut beiden Karten als einziger über einen langgestreckten Bergrücken führen. Ausgehend von dieser Angabe und wegen der fehlenden Markierungen, halten wir uns Anfangs an den überraschend vielen Kreuzungen an den meist benutzten Weg. Das erweist sich leider immer wieder als Irrtum der zum Teil zu Kilometer langen Umwegen führt. In detektivischer Arbeit erkunden wir dann alle in Frage kommenden Abzweigungen. Recht schnell lernen wir das hier diejenigen die anscheinend nicht in Frage kommenden die vielversprechensten sind. So entpuppte sich zum Beispiel eine laut Karte asphaltierte Straße als ein kaum noch erkennbarer, überwucherter Schotterweg. Vergeblich suchten wir auch nach der Lichtung die gleich hinter der nächsten Kurve liegen sollte und den heiß ersehnten Feierabend einläuten würde. Da wo saftiges Grass sein sollte wuchsen nun 4m hohe , stachelige Buchen. An einer “Straßenbiegung” konnte sich ein letzter jämmerlicher Streifen Gras retten. Dankbar über diese bisschen Grün, das mit Mühe und Not für unsere Tiere reichte schlugen wir zwischen all dem dornigen Gestrüpp, mitten auf der Bundesstraße unser Zelt auf. Überhaupt scheint die bulgarische Natur in Ihrer zarten maigrünen Verkleidung sehr wild und hart zu sein. Alles sticht, beißt oder versucht uns aufzuessen. Schlangen kriechen ins Zelt, abgebrochene Dornen eitern aus allen Poren und der arme Julian hat Besuch von einem Urzeitmonster in Form von einen 12cm langen Hundertfüßlers bekommen, nur um Ihn mal ins Kreuz zu beißen. Innerhalb kürzester Zeit ist der Stich Eurostück groß angeschwollen und ein großflächiger brennender Schmerz erinnerte Ihn noch die nächsten Tage an diese unliebsame Begegnung. Die letzte Erinnerung des Hundertfüßlers war ein großes schwarzes Messer….Gleich am nächsten Tag ist Julian von einer der über Dimensionalen und ekelhaften Zecken gebissen worden. Sie lassen sich in scharen aus den Bäumen fallen und krabbeln mit Lichtgeschwindigkeit zur nächsten Ader. Auch die Hunde werden trotz der angeblich so zuverlässigen Zeckenhalsbänder regelmäßig von ca. 1 cm großen Monstern gebissen. So sitzen wir wir also Abends verschüchtert wie zwei Stadtmenschen in der Wildnis am Lagerfeuer und versuchen uns gegen feindliche Übergriffe jeder Art zu wappnen.

Nach einer erstaunlich geruhsamen Nacht auf der „Bundesstraße“ machen wir uns am späten Vormittag etwas verunsichert auf den Weg.Vor uns liegen 2km der besagten Straße die dann in einen Fußpfad übergehen soll dem wir dann 3-4 km folgen müssen. Vorsorglich packen wir die Machete aus die auch bald zum Einsatz kommt. Wir kämpfen uns durch ein unglaubliches Dickicht, bemüht den Pfad von Wasserläufen und Wildwechseln zu unterscheiden. Um dem ganzen die nötige Würze zu verleihen hängen von jedem Baum, Busch, Ast und Halm Millionen von Raupen. Grüne Raupen, braune, gepunktete, gestreifte, haarige und nackte, große und kleine, ganze und nur kleine Stückchen. Vor ein paar Wochen fand ich sie ja noch sehr nett, inzwischen nervt es aber tierisch die Raupen im Essen, in den Haaren, im Gesicht, und einfach überall zu haben, und vor allem der ganze Raupenmatsch!

Endlich schaffen wir es uns aus dem Dickicht rauszukämpfen. Es hat uns sehr geschafft und unsere Motivation und Zuversicht haben einen Einbruch!

Kurz vor dem Etappenziel dieses Tages kommen wir an einem abgelegenen Hof vorbei, und ein junger Mann stürzt uns entgegen auf die Straße. Was ist jetzt los? Haben wir irgendwas verbrochen? Will er uns vor irgendwas schrecklichem warnen? Bei uns angekommen fragt er in gebrochenem Deutsch:“ Kommen sie aus Deutschland? Ich habe sie im Fernsehen gesehen! Bitte,bitte kommen sie auf einen Kaffee herein!“ Als wir zustimmen meint er:“ Heute früh meinte mein Freund, das Heute ein guter Tag ist und gute Leute vorbei kommen würden, und jetzt sind sie bei uns zu Gast! Ich bin so glücklich !“ Nach einer sehr netten Pause in der wir herzlichst umsorgt werden fragt Franzl, der in Österreich geboren wurde, ob er zum Abschied ein altes bulgarisches Ritual vollziehen dürfe. Als wir den Hof verlassen schüttet er hinter uns das in diesem trockenen Land wertvolle Wasser hinter uns auf die Straße um uns einen guten und gesegneten Weg zu bereiten