Große Seekarspitze 2679m

12 km; 1390 hm
26. – 27.09.2010
Tag 1

Endlich findet sich mal wieder Zeit mit Daniel loszuziehen. In Scharnitz starten wir per Fahrrad ins Karwendel. Das Wetter ist der Jahreszeit entsprechend grau, kalt und feucht. In der urgemütlichen Larchetalm gönnen wir uns ein Ambrosia und einen “sackrisch guadn Kaiserschmarrn”. Erholt und gestärkt machen wir uns nach ausgiebiger Ratscherei wieder auf den Weg, und deponieren unsere Fahrräder am Fuße des Neunerkars im Gebüsch. Einem kleinen Pfad folgend schlängeln wir uns durch den malerischen Bergwald. Ab und zu erhaschen wir durch die tiefliegenden Wolken einen Blick auf den mittlerweile richtig verschneiten Bärenalpesattel und die umliegenden Gipfel. Als wir das Neunerkar betreten, passieren wir die Schneegrenze und es zieht immer mehr zu. Etwa ab der Hälfte befinden wir uns bei leichtem Schneetreiben mitten in den Wolken in ziemlicher Suppe. Die Sichtweite liegt teils deutlich unter 50m … auch eine Erfahrung, sich durchs totale Whiteout den Berg hinaufzuschleppen, und blind nur noch den Spuren des Vorsteigers zu folgen. Gut, dass Daniel sich hier auskennt! Es wäre sonst echt ein wenig unheimlich, da natürlich unter diesen Umständen kein vernünftiger Weg zu finden ist.

Der Aufstieg durchs Kar ist nicht nur wegen der mangelnden Sicht recht anstrengend – große Felsbrocken verstecken sich schön unter dem Schnee und versuchen, einem immer wieder ein Bein zu stellen. Klatschnass von innen und außen, schleppen wir uns zur Biwakschachtel am Breitgrieskar ( 2385m ), die für heute Nacht unsere sichere Zuflucht vor Wetter und Schnee sein wird. Nebel und Schneetreiben sind mittlerweile so dicht, dass die Toilette zwangsweise keine zwei Meter von der Biwakschachtel eingerichtet wird. Wir schaffen es kaum einen Bissen runterzukriegen vor lauter Erschöpfung. So verkriechen wir uns in unsere Schlafsäcke und versuchen uns irgendwie aufzuwärmen. Mir ist natürlich wie immer viel zu kalt, auch Jacken und Pullis als Decke bringen nicht wirklich Erleichterung. Immer wieder schrecke ich aus dem Halbschlaf hoch

Tag 2

Aber die Anstrengungen des Vortages haben sich gelohnt…. Gegen vier Uhr morgens reisst es plötzlich auf, und unter uns erstreckt sich eine geschlossene Wolkendecke. Aus ihr ragen im taghellen Sternenlicht nur die umliegenden Gipfel und unser Biwak heraus. Nach keinen fünf Minuten schwappen die Wolken wieder über uns hinweg – aber dies sind die ganz besonderen Momente, die alles andere vergessen lassen und einen von den Übeln des Alltags befreien. Innen im Biwak sind dicke Raureifschichten gewachsen, als wir in der Morgendämmerung ein Heißgetränk zubereiten und noch ein paar „Heizplatten“ nachlegen. Das Wetter hat mittlerweile aufgeklart und wir genießen noch kurz den Mond im Sonnenaufgang, der die letzten Nebelschwaden vertreibt. Mit Sturmgepäck machen wir uns auf den Weg zur großen Seekarspitze. Abwechselnd wird gespurt und Rucksack getragen. So arbeiten wir uns eine knappe Stunde durch den Schnee, bis wir endlich in strahlendem Sonnenschein den Gipfel erreichen. Unter uns liegen dichte schneeweiße Wolkenfelder, aus denen rund ums uns tiefverschneite Gipfel ragen. Länger als eine halbe Stunde ist es aber aufgrund des eisigen Windes und der erbarmungslos knurrenden Mägen nicht auszuhalten.

Also machen wir uns wieder an den Abstieg und verzichten auf die kleine Seekarspitze, da es aufgrund der Schneelage recht ungemütlich und rutschig aussieht… und der Hunger erst.. Wieder am Biwak angekommen hängen wir erst mal die von der Nacht durchweichten Sachen zum Trocken, und kochen uns in der Sonne fletzend eine Tüte Astronautennahrung. Als wir gerade fertig sind mit packen, schwappen die Wolken wieder über uns zusammen und so wird der Abstieg auch wieder etwas suppig. Aber immerhin ist die Sicht gut genug, sodass wir uns einen vernünftigen Weg nach unten suchen können – so müssen wir nicht der Spur folgen, die wir gestern blindlings raufgeackert sind. Bei den Fahrrädern angekommen bricht plötzlich ein großer grauer Jeep durch den Fluss auf uns zu… Heraus poltert ein Jäger mit hochrotem Kopf! Zum Glück vergisst er seine Flinte vor lauter Wut im Auto. „Jo wos mochtsn ihr do?“bellt er los…

Da er unsere Rucksäcke durchsuchen will, scheint er davon auszugehen dass wir Wilderer sind. Nachdem er erfahren hat wo wir die Nacht verbracht haben, hält er uns wohl eher für Verrückte die aus dem Irrenhaus geflohen sind. „Bei deeem Schnee? Jo is den des normal?“ Kopfschüttelnd und fluchend verschwindet er wieder im Jeep und bricht mit heulendem Motor davon. Etwas verwirrt von dieser Begegnung der Anderen Art schwingen wir uns wieder auf die Räder um nochmal auf einen Kaiserschmarn in der Larchetalm einzukehren. Eigentlich geht es den Weg zurück nur bergab, aber die kurzen Gegenanstiege und der volle Magen geben uns den Rest. So sitzen wir frierend und erschöpft am Parkplatz bis uns endlich unser heldenhafter Chauffeur in Person von Daniels Frau abholt und unsere durchgefrorenen Knochen zur nächsten Badewanne kutschiert.