Hohes Brett

2400 hm; 18 km
08-09.11.2011
Tag 1

Da Julian mit Daniel mal wieder in die Berge gehen wollte habe ich beschlossen die Gunst der Stunde zu nutzen um endlich alleine in die Berge zu gehen. Das habe ich mir schon seit langer, langer zeit gewünscht jedoch hat es bis jetzt nicht klappen wollen. Da die Nächte in den Bergen schon sehr kalt sind und das Biwakequipment  für meine empfindlichen Knie viel zu schwer wäre, habe ich mich entschieden die Hunde beim Julian zu lassen und auf einer Hütte zu übernachten. Voller Vorfreude und noch etwas verschlafen breche ich in der Morgendämmerung Richtung Berchtesgaden auf. Der wunderschöne herbstliche Sonnenaufgang verspricht einen schönen Tag und lässt die Fahrt schnell vergehen. Am Parkplatz angekommen treffe ich ein älteres Ehepaar. Es zeigt mir einen kleinen Weg abseits des viel genutzten Wanderwegs. Während ich dem  Pfad durch einen alten Bergwald getaucht in goldenes Herbstlicht folge, träume ich davon vielen Tieren zu begegnen. Immerhin bin ich alleine  UND ich habe keine Hunde dabei!

Obwohl ich nur eine Kompasskarte habe finde ich problemlos auch die nächste Abkürzung. Der versteckte Fußpfad schlängelt sich durch ein kleines verwunschenes Tal. An seinen Hängen ragen bizarre Steinzunken und Säulen  aus dem herbstlich braunen Gras. Es wirkt als bewohnten   Steinkobolde das Tal. Nicht verwunderlich, dass ich hier das erste Tier treffe! Ca. 30m entfernt kommt eine Gams aus den Latschen und beobachtet mich interessiert. Als ich schnaufend  auf dem Sattel ankomme ertönen laute Engelschöre. (Sie sind in der Wildnis ein recht häufiges Phänomen und sollen auf dramatische Weise die fantastische Kulisse   untermalen.) Kupfern leuchtet das Gras zwischen den grauen Felsen in warmen licht der Nachmittagssonne als ich meinen Weg  zum ende Hügelkamms fortsetze. Zwischen dem hohen Gipfel des Schneibsteins vor mir und des Hohen Bretts hinter mir  ragt der er  hinein ins Tal. Hier habe ich eine wunderbare Sicht auf das Steinerne Meer zu meiner linken Seite, Berchtesgaden zur rechten und den türkisfarbenen Königssee dazwischen. Ein perfekter Platz um im weichen Grasbett zu faulenzen und die Stille und Einsamkeit zu genießen.

Kaum habe ich mich niedergelassen um meinen böse knurrenden Magen mit einem Stück Brot zu besänftigen, landet neben mir eine Dohle. Neugierig legt sie den  Kopf zur Seite um besser sehen zu können was ich leckeres auspacke. Kurz drauf landet der Rest ihrer zahlreichen Familie. Die ganze Sippe scheint bereits viel Erfahrung mit Bergsteigern zu haben und ist sehr zutraulich. Schnell haben wir geklärt, das ich eine von den netten  bin und bereit mein Essen zu teilen. Ich versuche der mutigsten ein Stück meines Vollkornbrotes aus der Hand zu füttern. Tatsächlich! Nach kurzem zögern nimmt sie es gierig. Jetzt ist das Eis endgültig gebrochen! Auf meiner Schuhspitze sitzend plustert sich sie sich auf, während sie darauf wartet, das ich noch eine Scheibe abschneide. Ich halte es ihr hin und der süße Vogel hüpft über mein Bein bis zum  Rucksack der an meinem Bauch lehnt.  So speisen wir Auge im Auge. Ich bin entzückt und im siebten Himmel! Die Dohlen auch! Sie hüpfen über mich, landen auf meiner Hand  und fühlen sich sichtlich wohl! Das ist eine schönere tierische Begegnung als ich es mir erträumt habe! Zum krönenden Abschluss kommt noch eine Gams vorbei. Nur ein paar Meter neben mir stellt sie sich auf einen Felsen und genießt ebenfalls die Aussicht.

Glücklich mache ich mich schließlich auf den Weg  zum Stahlhaus wo ich Übernachten möchte.  Angekommen verstaue ich mein Zeug im Lager und gehe los um mir einen Platz zu suchen von wo aus ich eine gute Sicht auf den Sonnenuntergang habe.  Ich mache einen Abstecher zum Wegkreuz um nachzusehen welche Gehzeit für das Hohe Brett, mein erstes Etappenziel morgen, veranschlagt ist. Am dem Schild angekommen erstarre ich vor Schreck! Vor dem Hohen Brett ist ein bedrohlicher tiefschwarzer  Punkt! (Farben der Wegmarkierungen: Blau->blaue Flecken, rot->Blut, schwarz->Foto mit schwarzem Bändchen!) Schwarz, also schwierigste der gängigen Abstufungen! Ist das wirklich mein Weg?! Ist das der einzige Weg!? Ich muss weg!! …und das gerade habe ich nicht gesehen!? Unter einem steilen Felsen der mir Schutz vor dem immer kälter werdendem Wind  bietet  genieße ich zum Abschluss dieses schönen Tages die märchenhaft untergehende Sonne.

Tag 2

Ich hatte Glück, in der Hütte waren außer mir nur 2 Wanderer, beide hatten ein Zimmer, so dass ich das Lager ganz für mich allein hatte. Dem entsprechend habe ich recht gut geschlafen, bis auf die Tatsache, mich der schwarze Punkt auf dem Wegweiser wieder eingeholt hat. Mitten in der Nacht findet er mich im Tiefschlaf. Ich schrecke auf, direkt vor  mir, schwebt drohend  der schwarze Punkt?! Wir waren diese Saison zwar schon im schwierigen Gelände unterwegs und haben sogar die ersten Klettersteige mit Bravour gemeistert, doch eine schwarze Route sind wir noch nicht gegangen! (zumindest keine offizielle) Soll das nun die erste sein ? Und das alleine?! Wo ich doch so ein Angsthase bin! Aber wo hin soll ich ausweichen, die Route über das Hohe Brett und dann hinab zur Göllschrte verspricht  sehr schön zu sein!….

Nach langen hin und her beschließe ich mir das ganze aus der Nähe anzusehen.Ich trinke einen nicht all zu leckeren aber herrlich heißen Insatandkaffee und breche im sanften Morgenlicht auf. Die ersten Sonnenstrahlen kriechen langsam aus ihrem Versteck und tauchen die fast senkrechte Flanke des Hohen Bretts in goldenes Licht. Für einen kurzen Augenblick vergesse ich, dass diese imposante Erscheinung der Berg ist auf den ich rauf will und  gebe mich ganz dem wunderbarem Augenblick hin. Nach ca. 400hm Aufstieg wird der gut ausgetretene Weg zunehmend bröseliger und steiler und ich nervöser.Beim Blick nach unten zum inzwischen erbsengroßen Stahlhaus und erst recht beim Blick nach oben in das immer senkrechter werdende Gelände schrumpft mein Mut zusehends.

Mein Herz pocht inzwischen so schnell wie das eines Kolibris und so laut wie eine Kirchenglocke. Zudem erinnert mich mein Magen mit lautem knurren daran, dass es höchste Zeit für ein Frühstück ist. Vielleicht hat er recht! Ich suche mir ein gemütliches Plätzchen wo ich beim Essen über mein weiteres Vorgehen nachdenken kann. Sollte ich doch umkehren!? So sitze ich also in der steilen, steinigen Bergwiese und habe mich schon fast entschieden umzukehren, als ich weit über mir, kaum erkennbar eine Seilsicherung ausmache. Folgende Gedanken schießen mir durch den Kopf : ? Jaa…, also wenn da oben ein Seil ist, dann bedeutet das erstens, dass der Weg gar nicht so gefährlich ist wie ich dachte! Er ist ja geSICHERt! Und zweitens, wenn die gefährlichen Stellen gesichert sind, dann ist folglich die Stelle an der ich mich befinde, da sie nicht gesichert ist , auch nicht gefährlich!:-) Also brauche ich auch keine Angst zu haben und kann beruhigt weiter gehen ! Ja das klingt gut! Ich werde einfach so weit gehen bis ich an eine  Stelle komme die für mich zu schwierig ist, und dabei nicht vergessen, dass ich evtl. die selbe Strecken wieder absteigen  muss! Wenn ich so vorgehe sollte alles in bester Ordnung sein! Ich darf nur nicht  runter fallen, das  ist alles ! :-))?  Blass schwebt die Erinnerung an den Mandelgrat-Klettersteig, der sich nur einen Berg weiter befindet an mir vorbei. Dort war der Weg zwar größtenteils gesichert, doch konnten wir nicht nachvollziehen warum manche Stellen die uns einfach erschienen mit Seil bestückt waren und an anderen, wo ein Sturz hätte durchaus tödlich enden können, ein Seil fehlte. Da diese Erinnerung mein Argument von ungefährlichen seillosen stellen entkräften würde, ließ ich sie unbeachtet ziehen.
Vollkommen entspannt und  beschwingt und mache mich auf den  nun nicht mehr gefährlichen Weg. Am steilsten Stück angekommen in der fast senkrechten Wand  fühle ich mich auf dem schmalen Felsband  richtig wohl, auch die kurzen Kletterpassagen sind kein Problem. Der Fels ist fest, griffig und gibt mir so viel Sicherheit das ich sogar auf die hin und her schwingenden Seile verzichte.
An breiteren Vorsprüngen bleibe ich kurz stehen um Fotos von der atemberaubenden Hochgebirgslandschaft und dem immer weiter werdenden Fernblick zu machen. Oben endlich angekommen  fühle ich mich riesig, mindestens so riesengroß wie das Hohe Brett  selber. Ich habe den unbezwingbaren Berg bezwungen! Zur Belohnung ertönen wieder Engelschöre. In der warmen Mittagssonne genieße ich Weitblick ins Flachland, wo vereinzelt Nebelfelder über das Land ziehen. Auf der anderen Seite habe ich über mehrere, immer blauer werdende ebenen einen blick bis tief in das Herz der Alpen mit seinen zahllosen Gipfeln. Nach dem ich mich gestärkt habe und ausgiebig die Ruhe und weite des Gipfels genossen habe setze ich meinen Weg fort.

Wie auf der Karte zu sehen führt er erst einmal über  einen  sanften Bergrücken. Karstgestein und Gras wechseln sich ab bis der breite Rücken zu einem schmalen Grat wird. Mein größter Alptraum! Wieder werde ich auf die Probe gestellt. Wie schon zuvor lautet das Motto Schritt für Schritt und einfach nicht herunterfallen. Weder die senkrechte 600 m hohe vom Wasser glatt geschliffene Felswand auf der einen Seite, noch die etwas niedrigere Wand die wie ein riesiges Reibeisen wirkt auf der anderen Seite. Zu allen Überfluss sind jetzt auch noch überall Altschneefelder in allen Variationen. Matschiger Schnee, harschiger Schnee, gefrorener Schnee, Pulverschnee mit einer dünnen Eiskruste und vor allem zu Eisplatten gefrorener Schnee. Mit diesen eisigen Platten scheint mir der anspruchsvolle Weg, welcher an vielen stellen mindestens eine Hand zum festhalten erfordert,  nicht wirklich sicher. Ich bin jetzt der Göllschatze sehr nahe. Es trennen mich nur ca. 400m von meinem geplanten Abstieg.
Mit pochendem Herzen setze ich mich auf den schmalen Grat und betrachte das kleine buckelige Plateau zu Füßen der Südflanke des Hohen Göll. Hier unter der imposanten Wand die, aus lauter spitzkegeligen Felsen besteht würde mein Weg nach unten führen. Das würde er, wenn ich mich nicht gerade, schweren Herzens entschieden hätte umzukehren. ?….Seufz ?…Schluß mit lustig ! Ich war heute tapfer genug, außerdem glaube ich hier weiter zu gehen zeugt nicht mehr von Mut sondern von Dummheit. Schade! Sehr schade! So nahe vor dem Ziel! Auf dem Rückweg inspiziere ich eine Abkürzung von der ich gehört hatte , die jedoch nicht wirklich auf der Karte verzeichnet ist. Der weg ist stellenweise ausgetreten und gut sichtbar zum Teil jedoch gar nicht zu erkennen.

An einer Stelle die schon wieder einigen Mut erfordern würde entscheide ich mich, in Anbetracht des ungewissen Weiterverlaufs des Wegs, meines bereits ziemlich leeren Muttopfes und der schon fortgeschrittenen Uhrzeit doch für den regulären Abstieg.Das Stück in der Steilwand erscheint mir nach den heutigen Heldentaten bei weiten nicht mehr so schlimm wie heute Früh. Ich fühle mich sogar so wohl, dass ich zum erstaunen zwei Wanderer, auf einem kleinen Vorsprung  eine Pause einlege. Dort sitzend  esse ich eine Kleinigkeit  und bewundere noch einmal das fantastische Farbspiel der goldenen Herbstsonne, des kupfernen Grases und der blau-grauen Felsen.

Den Rest des Weges zum Parkplatz lege ich gemütlich rasend zurück und bin selig über dieses tolle Bergerlebnis.