In drei Tagen von München zum Chiemsee

ca. 100 km 18. – 21.02.2011

Autor: Mountain Daniel (der Schinder)

Tag 1

Eigentlich hatten wir immer die Vision von meterhohem Schnee und Eiskristallen die uns ins Gesicht peitschen, während wir die Pulka durch ein abstruses Whiteout schleppen. Daher wollten wir auch Mitte Februar losziehen.

Doch es kommt natürlich anders. Ein bleigrauer schwerer Himmel lastet über uns, als wir gegen 8.00 Uhr morgens in Ramersdorf starten. Schnee liegt nur noch schmutzig in kleinen Haufen im Schatten. Don begleitet uns noch bis ins Perlacher Ghetto.

Dann folgt der lange Irrweg aus München heraus. Julian kennt sich leider doch nicht so gut aus wie er dachte, und so laufen wir etwas ahnungslos durch Wald und über Wiesen. Am Grasbrunner Weg brechen wir in Panik aus, weil wir denken ganz wo anders zu sein.

Zumindest für eine Viertelstunde. Dann kapieren wir, dass alles ok ist, nachdem das GPS-Orakel befragt wurde. Nun sind wir auch am linken Rand unserer Karte eingedrungen. Also biegen wir scharf nach Süden zum Siegertsbrunner Weg. Auf diesem wandern wir durch den Wald nach Oberpframmern.

Allmählich wird der Rucksack immer schwerer und wir werden immer weinerlicher. Schon werden erste Wünsche nach einem warmen Bett und einer Dusche laut. Am Kastenseeoner See fragen wir auf einem Pferdegestüt nach Asyl und werden nach Glonn weitergeschickt. Trotz Müdigkeit schleppen wir uns weiter wie Josef und Maria auf der Suche nach einer Bleibe, um unsere Wunden zu lecken.

In Glonn labert uns jemand aus seinem vorbeifahrenden Auto an. Es ist P. Wilke, der uns einlädt, bei sich im Garten zu zelten und sein Klo zu nutzen. Dankbar nehmen wir die Einladung an. Wir kochen uns noch ein Abendmahl und verziehen uns dann in das feuchte Zelt.

Tag 2

Die Nacht war recht ruhig und wir haben beide verhältnismäßig gut geschlafen. Im Zelt war die Luft feuchter als draußen und jetzt sind die Schlafsäcke klatschnass. Gut, dass ich mich für die Kunstfasertüte entschieden habe. Das Zelt wiegt jetzt auch subjektive fünf Kilo mehr. Als wir aus dem Zelt kriechen steht bei der jungen Familie Wilke bereits unser Frühstück auf dem Tisch. Dankbar essen und trinken wir, genießen noch Klo und Wärme. Wie wichtig doch plötzlich basale Dinge werden. Ein Stunde brauchen wir zum packen der nassen Ausrüstung. Gegen 9.00 brechen wir auf. Durch Glonn geht es nach Zinneberg und dann zur Schießstätte, die uns als Nachtquartier empfohlen wurde. Das hätten wir gestern nicht mehr geschafft.

Kurz vor Aßling haben wir die saublöde Idee, mal unsere Rucksäcke zu tauschen. Für mich ist das grauenhaft, denn ich habe nicht umsonst so viel in leichte Ausrüstung investiert und nun muss ich Julians Rucksack schleppen, der gefühlte 30 kg wiegt und sich in keinster Weise an meinen Körper anpassen lässt. Diese Aktion kostet mich ungeahnt viel Kraft und ich komme kaum noch vom Fleck.

Nachdem Julian jetzt aber gemerkt hat, wie leicht ein Rucksack für eine Wintertour auch sein kann, wirft er die Hälfte seines Essens in den Wald und fühlt sich auch gleich besser.

In Emmering sind wir beide schon wieder so fertig, dass wir hier eigentlich schon unser Nachtlager beziehen wollen. Doch siehe da: bis Rott sind es nur noch sechs Kilometer! Das schaffen wir auch noch.

Also bei Bruckmühl ab nach Süden und die Rottmooser Linie gesucht, die quer durch den Wald führen sollte. Außer Sumpf lässt sich aber nichts finden. Es bleibt uns keine andere Wahl, als solange um den Wald herum zu laufen, bis wir einen weg hindurch finden. Diese scheiß Kompasskarten! Sie stimmen nur leider zu 70 % mit der Realität überein. Und wir bewegen uns in den restlichen 30 %. Es ist zum kotzen und kostet wieder Energie, die wir nicht haben.

Über stinkende Gräben, vorbei an Riesenmaulwurfhaufen finden wir in den dunklen Wald. Und vorbei an Sumpf und Moor tatsächlich nach Rott. Hier checken wir kurz vor 18.00 Uhr im Gasthof Stechl ein. Witziger Weise gehen wir als Pilger durch, da wir uns unwissentlich auf dem Jakobsweg befinden. So zahlen wir nur 10€ pro Nase für unser Zimmer mit Frühstück. Auch können wir endlich unsere Sachen trocknen. Und mit fast kochendem Wasser unter der Dusche den malträtierten Rücken verwöhnen.

 

Tag 3

In der Nacht hatte der Julian dank seiner Hausstaubmilben- Allergie einen Hustenanfall bekommen und dann nicht mehr so gut geschlafen. Also nur halbwegs erholt genießen wir unser Pilgerfrühstück und brechen auf. Nach kurzem Marsch durch Rott sehen wir endlich die Innauen! Es ist ein wahres Erfolgserlebnis endlich über den Inn zu schreiten. Nun folgt an Griesstätt vorbei ein ziemlich langer Hatscher an der Straße entlang. Das Wetter ist immer noch feucht und dazu kommt heute ein eisiger Wind. Bei Gunzenham biegen wir diesmal bewusst auf den Jakobsweg bis Halfing. Er führt – endlich mal markiert – schön durch einen saftigen Wald. Unterwegs begegnet uns noch ein Hermelin, den wir als solchen aber nicht erkennen.

Am östlichen Ortsende von Halfing wollen wir auf „markiertem“ Wanderweg durch den Forst nach Almertsham. Doch dank der beschissenen Kompasskarte, die wieder der Realität widerspricht, irren wir gefühlte Stunden durch den finsteren Wald. Am Ende peilen wir einfach mit Kompass und GPS unsere gewünschte Richtung an und brechen durchs Unterholz, bis wir uns wieder zurechtfinden.

Und nochmal dasselbe. Wieder ein roter Pfad, der sich ca. 165 mal verzweigt und am Ende in der Sackgasse steckt. Irgendwo bei Hemhof stoßen wir auf den „Endloswanderweg“. Wir haben die Schnauze voll und halten uns nun an die Straßen. Die Schmerzen nehmen nun kontinuierlich zu. Meine rechte Achillessehne beginnt bei jedem Schritt zu schmerzen und bei Julian drückt und schabt irgendwas am Fuß.

Mitten im Wald – es ist bereits dunkel – finden wir heraus, dass ein Schnürteil von seinem Stiefel abgebrochen ist und nun zwischen Leder und Innenschuh herumdrückt. Der Versuch mit Stirnlampe und Taschenmesser den Schuh zu reparieren scheitert. Das Leiden geht also weiter, denn wir stehen kurz vorm Chiemsee. Bei einsetzendem Schneefall kommen wir im Stockfinsteren endlich am Bootshaus an. 90 Kilometer in drei Tagen mit dem Gepäck! Eine starke Leistung für uns, die ihren Tribut fordert. Erschöpft richten wir uns im Bootshaus ein und essen. Wir sind sogar zu fertig um noch unseren Zielschnaps zu trinken.

Nachts wachen wir beide um 3.00 Uhr auf. Draußen liegen bereits fünf Zentimeter Neuschnee und es ist arschkalt. Wir trinken heiße Ovomaltine, essen ein Stück Speck und kochen uns Wärmflaschen. So schlafen wir die restliche Nacht auch bei -3 °C ganz gut.

Tag 4

Hinkend verlassen wir das Bootshaus und schleppen uns eine Viertelstunde zur Bushaltestelle in Breitenloh. Der Bus kommt auch schon nach einer Zigarettenlänge. In Prien wird Ambrosia und Frühstück gekauft und so geht es über München-Ost nach Hause. Um 12.00 Uhr bin ich bereits in der Badewanne.