Radstädter Tauern

55,5 km; 4718 hm
15. – 19.08.2011
Tag 1

Da wir nach Niederbayern gezogen sind und das Karwendel in die Ferne gerückt ist, haben wir uns für die Radstädter Tauern entschieden. Von der Autobahnraststätte direkt vor dem Tauerntunnel brechen wir zu einer vier-tägigen Wanderung auf.

Als wir loslaufen ist es Mittag und sommerlich heiß. Vor uns liegen 14 km und 1300 hm, die wir mit einem Startgepäck von knapp 14 kg bzw. 17 kg zu bewältigen haben. Malerisch schlängelt sich der kleine Pfad durch einen alten Lärchenwald die steile Bergflanke hoch. Nach ca. drei Stunden schnaufen, stöhnen, und mehreren Litern Flüssigkeitsverlust durch unsere fleißigen Schweißporen erreichen wir ein wunderbares, karstiges Hochplateau. Hinter der Windischarte, die man bereits in weiter Ferne sehen kann, liegt unser Tagesziel.

Der Weg dorthin gleicht einer wunderbaren „geführten querfeldein Wanderung“. Obwohl die Landschaft mit ihren bizzaren Felsformationen und karstigen Plateaus so traumhaft ist, dass wir aus dem Staunen nicht herauskommen scheint es eine wenig besuchte gegend zu sein. Der Weg ist nur noch an verwitterten Markierungen zu erkennen ist.

Obwohl wir die Landschaft genießen sind wir froh die zwischen durch unerreichbar erscheinende Windscharte zu erreichen. Engelschöre ertönen, als sich uns die traumhafte Aussicht in das weite Tal mit grünen, buckligen Hochebenen und vor allem auf unseren königlichen Biwakplatz präsentieren. Er liegt auf einem schlecht zugänglichem, kleinen Hochplateau abseits des Wanderweges. Bei genaueren erkundungen stellt es sich heraus das es ein Hochmoor ist. Idylisch fleist hier ein Bach in den grünen See zwischen unzähligen kleinen Tümpeln. Als das lager eingerichtet, die wohlverdiente Tütensuppe z fertig ist und die müden Hunde endlich versorgt sind genießen wir den fantastischen Panoramablick auf die hochalpine Landschaft in der Abendsonne und schlafen schließlich selig ein.

Tag 2

Dank unserer tollen neuen Isomatten (7 cm dick bei einem Gewicht von nur 600g) haben wir wunderbar weich gebettet geschlafen. An unserem schönen Biwakplatz hat es sich jedoch als nachteilig erwiesen, dass es ein Moor ist! Alles ist vom Tau pitschnass und wiegt dementsprechend mehr. Welch eine Überraschung! Als wir aus einiger Entfernung auf das inzwischen von der Sonne beschienene Moor zurückblicken, produziert es in einem beachtlichen Tempo eine Wolke.

Um unser Tagesziel, das Weißeck auf der gegenüber liegenden Talseite, möglichst kraftsparend zu erreichen entschieden wir uns für einen etwas längeren Weg. Er verspricht zudem schöner als die kürzere Alternative direkt durch´s Tal zu sein. Leider erweist sich das als nicht ganz richtig. Der Weg, der sich stundenlang über eintönige, abgegraste Weiden zieht, ist im Verhältnis zu der spektakulären Landschaft am Vortag fast schon langweilig und sehr, sehr lang.
Beim Abstieg ins Tal, das wir um 15.30 erreichen, habe ich mir in einem unaufmerksamen Moment das Knie vertreten und mache mir nun Sorgen dass es die nächsten Tage nicht mitmacht. Zudem hatten sich im Laufe des Tages einige beachtliche Wolken gebildet, die laut Wettervorhersage gegen Abend für Gewitter sorgen sollen. Die jetzt vor uns liegende gnagenlos steile, 1300m hohe Flanke des Weißeck erscheint, so wie sie sich in der prallen Nachmittagssonne präsentiert, nun unbezwingbar. Gefrustet und hungrig kehren wir in eine nahe Hütte ein. Dort soll ein leckerer Strudel uns helfen, uns von der erträumten Biwaknacht auf dem höchsten Gipfel der Gegend zu verabschieden.
Stattdessen beschließen wir, auf der Terrasse einer wegen Renovierungsarbeiten geschlossenen DAV Hütte zu übernachten. Dort waren wir am Morgen vorbeigekommen. Also Rucksäcke schultern und auf zum lustigen, 600hm hohen Aufstieg. An der Hütte angekommen müssen wir erst einmal einige Kühe vertreiben, die durch die Absperrungen gebrochen sind und sich nun zufrieden auf der Terrasse sonnen. Nach einigen Diskussionen mit den uneinsichtigen Jungrindern und Nachbesserungen der provisorischen Absperrung kommen wir endlich zur Ruhe. Da wir aber keinen cm² ohne Kuhfladen finden und ein saukalter Wind weht, verbringen wir dann doch die Nacht im ein weinig muffigen aber warmen Winterraum.

Tag 3

Der neue Tag begrüßt uns mit einem traumhaften Sonnenaufgang. Knapp unterhalb der Hütte wogt ein Nebelfluss durch das Tal, der langsam in goldenes Sonnenlicht getaucht wird. Die traumhafte Stimmung genießend, verstauen wir unser Zeug im Winterraum und brechen zum nahe gelegenen Stierkarkopf auf. Das Weißeck sollte der einzige nennenswerte Gipfel der Tour werden, jetzt wollen wir ihn wenigstens von einem anderen Gipfel aus betrachten. Eine kleine, aber sehr schöne Entschädigung, die zudem mit dem teils ausgesetztem Aufstieg ein nettes Training für unsere Höhenangst darstellt.

Meine Knie haben sich über Nacht gut erholt! Gott sei Dank!
Wieder unten angekommen hat Julian einen Durchhänger (körperlich wie auch seelisch), der sich zum Glück mit etwas Biomasse und viel, viel Wasser beheben lässt. Da die Berge an diesem Tag schon sehr früh hohe Wolkentürme produzieren, beeilen wir uns zur nächsten Hütte zu kommen. In der urigen Jakoberalm gönnen wir uns hervorragende Knödel mit Speck und einen noch besseren Kaiserschmarn. Während wir mit den netten Hüttenwirten plaudern, schlafen die müden Hunde tief und fest. Ernsthaft angeheitert durch das äußerst potente Stamperl Zirbelkieferschnaps eiern wir schließlich unserem Etappenziel, der Belüftungsanlage des Tauerntunnels, entgegen. Dort angekommen ist es noch recht früh und wir alle freuen uns auf einen geruhsamen Abend… doch manchmal kommt es anders als man denkt! Bereits die Suche nach einem geeigneten Biwakplatz gestaltet sich sehr langwierig. Im Zickzack erkunden wir weitläufig das bucklige Gelände und kämpfen uns durch die dichte Vegetation zwischen uralten Zirgelkiefern.
Da für den Abend wieder Gewitter angesagt sind und die Wolken auch dafür sprechen, untersuchen wir auch die Belüftungsanlage in ihrer Tauglichkeit als Blitzableiter. Schließlich entscheiden wir uns aber für einen Biwakplatz neben einer eingestürzten Hütte direkt auf einer zentralen Hügelkuppe welche von felsifen gipfeln umgeben ist. Von hier aus können wir uns im Falle eines Gewitters schnell in Sicherheit bringen. Die Inspektion des Platzes neben der Hütte ergibt, dass dieser Platz mit einer tollen Rundumsicht und einer geraden Fläche regelmäßig von Kühen aufgesucht wird. Das gerade Stück Wiese weist auffällig kurzes Gras und nur auffällig wenige Kuhfladen auf….perfekt!

Nun gut, jetzt nur noch Wasser holen und dann steht dem ersehnten Feierabendnichts menh im weg! Julian geht los, und geht und geht, und filtert und filtert und filtert Wasser, und nachdem Ewigkeiten vergangen sind kommt er endlich wieder.

Gemütlich eingerichtet setzen wir Essen an und sind bereit uns zu entspannen, als über den nahen Bergrücken eine verdächtige Wolke in unsere Richtung zieht.
Zeitgleich taucht hinter der nächsten Hügelkuppe eine verdächtige Herde von zehn Kühen auf, die ebenfalls in unsere Richtung ziehen. Beides behalten wir aufmerksam im Auge. Nach einigen Löffeln Tütensuppe sind die Kühe schon recht nahe, und uns dämmert, dass wir unter Umständen ihr Schlafzimmer besetzt haben könnten. Es fängt an zu donnern. Na toll! Da wir auf der Kuppe der höchste Punkt sind, legen wir beim Essen einen Zahn zu, um nicht als Blitzableiter zu enden.

Als wir endlich anfangen können zu packen, trabt die erste Kuh entschlossen auf uns zu! Schnell hat uns die Herde umstellt und bedrängt uns massiv – “Raus aus unserem Schlafzimmer! Und das möglichst sofort!“ Mit meinem Bergstock fuchtelnd dränge ich eine Kuh zurück, während auf der anderen Seite die Nächste vorrückt, sodass Julian eingreifen muss. Mit dem Packen kommt er so nicht wirklich voran. Schließlich komme ich auf die Idee die wilde Herde zusammen zu treiben, um sie besser kontrollieren zu können. Dafür nehme ich mir eine der Bauplanen, die wir als Regenschutz dabei haben.
Vor diesem riesigen, merkwürdig raschelnden Ungetüm haben die Rinder deutlich mehr Respekt als vor dem Bergstock. Sie lassen sich nun recht gut auf Abstand halten. Auch wenn sie uns mit gesammelter Manschaft weiterhin konzentriert beobachten und immer wieder versuchen sich zu nähern.

Als wir unser Zeug endlich verstaut haben, machen wir uns zügig auf den Weg zum kuhsicher eingezäunten Gelände der Belüftungsanlage. Das Gewitter hat sich inzwischen klammheimlich aus dem Staub gemacht, die Kühe sind wieder zufrieden in ihrem Schlafzimmer, es kehrt Ruhe ein.
An unserem neuen sicheren Biwakplatz eingerichtet liegen wir nun Tee trinkend in unseren Schlafsäcken und beobachten die Sterne. Eine riesige Stroboskopwolke steuert über den Bergrücken auf uns zu. Das Licht wird immer heller und heller, bis schließlich ein Blitz die uns zugewandte Bergseite erleuchtet.

Uns fallen die tennisball-großen Hagelkörner während eines Gewitters im Karwendel letzten Sommer ein – so packen wir eilig nochmal zusammen und brechen zu einer nicht weit entfernten Hütte auf. Wir hatten gehört, dass sie leer stehen soll. Dort werden wir auf der Veranda schlafen….oder auch nicht…

Vor der Hütte steht ein Geländewagen, und bei der Einfahrt weist ein mäßig freundlicher Zettel darauf hin, dass man hier zwar übernachten könnte die Hüttenbesitzer nach jedoch 16.00 Uhr nicht mehr gestört werden wollen. Jetzt ist es 23.30 Uhr. Verdammt! Verdammt! Für die noch wenigen verbliebenen Nachtstunden erweist sich schließlich die harte, abschüssige Forststraße als ein erstaunlich bequemer Schlafplatz.

Tag 4

Bereits in der Dämmerung packen wir wieder zusammen und kehren nochmal zur verfallenen Hütte zurück um die „Batscherln“ ( hiesige Bezeichnung für Hundeschuhe ) zu holen, die wir gestern in der Aufregung vergessen hatten. Eine weitere Verzögerung bringt die Suche nach Trinkwasser mit sich, das wir bei dem blauen Himmel und somit zu erwartender Hitze sicherlich brauchen werden. In dieser sonst so wasserreichen Gegend ist der einzige auf der Karte eingezeichnete Bach, den wir in den nächsten Stunden queren werden, ausgetrocknet! Gott sei Dank findet Julian nach langer Suche einige Kuhtritte, aus denen er das sehr “gehaltvolle” Wasser filtert. Ein Weilchen später finden wir natürlich auch einen kleinen, auf der Karte nicht eingezeichnete Tümpel direkt am Wegesrand, und dann noch einen. Das war ja klar!
Vor uns liegt nun Wegstück das entlang einer eindrucksvoll zerklüfteten und fast senkrechten Felswand führt, gefolgt vom letzen seilen ansteig dieser Tour. Danch kommen 2km über ein Hochplateau bevor es dann wieder talwärts richtung parkplatz geht.

In den letzten zwei Stunden haben sich so viele Wolken gebildet, dass der Himmel fast völlig bedeckt ist. In weiter Ferne vernehme ich ein Donnergrollen. Schon wieder! Es wäre klug sich zu beeilen! In Gedanken schon ganz auf dem kleinen Gipfel seitlich der Scharte, den wir noch mitnehmen wollen, eilt Julian voran. So registriert er nicht wirklich, was ich über das Wetter sage. Als ich ihn weiter oben nochmal darauf hinweise schenkt er mir ein „Ach, das passt schon!“-Lächeln und drängt auf den bröseligen Gipfel. Oben angekommen meint er dann „Oh das schaut nach Gewitter aus! Wo kommt das denn her? Schauen wir, dass wir runter kommen!“ und so rasen wir los.

Das Gewitter kommt mit großen Schritten immer näher und scheucht uns über das Hochplateau, wo es sich dann Blize schmeißend austobt. Allesamt keuchend bringen wir in Rekordzeit den anspruchsvollen Abstieg hinter uns. An der Baumgrenze brechen wir erst mal zusammen und stürzen uns auf die erste richtige Mahlzeit des Tages. Sie wird gerade noch rechtzeitig vor dem Hungertod fertig. Klein Shina wirkt, wahrscheinlich von unserer Aufregung angesteckt, erstaunlich fit. Len dagegen schaut so fertig aus, dass wir ihm eine Stunde Schlaf gönnen bevor wir gestärkt das letzte Stück angehen.

Mir fällt es wieder mal schwer, mich von der schönheit und ruhe der wilden Bergen zu trennen. Wir passieren die Zivilisationsschranke!