Zurück ins Dickicht

Für den nächsten Tag steht erst mal eine kurze Etappe bis zur nächsten Berghütte an damit sich der kleine Astronaut wieder richtig zu Kräften kommen kann.
So betreten wir hinter der Hütte am Chumerna endlich wieder den E3 der uns von nun an meist gut gepflegt und markiert durch lichte Bergwälder und über grasige Hügelkämme in das Herz des Balkangebirges führt.
Auch die nächsten Tage wollen wir es langsamer angehen lassen da es immer noch extrem heiß ist.
So versuchen wir spätestens 05.30 aufzustehen, dann Mittagspause zu machen um uns vor der schlimmsten Hitze zu verstecken, zu Kochen, Equipment reparieren, Update schreiben, etc…..
Natürlich habe ich die Zeit genutzt die der Astronaut auf fremden Welten verbracht hat um mich auf die weitere Strecke vorzubereiten. So habe ich in mühevoller Arbeit alle brauchbaren Wiesen und Wasserstellen entlang des E3 in Google Earth ausgespechtet, mit unserer veralteten Karte abgeglichen und ins GPS programmiert.
So gut vorbereitet machen wir uns wieder auf ins Dickicht, um Mittags festzustellen das die Lichtung mitsamt Brunnen leider unbrauchbar ist. Die Wiese ist mit ungenießbarem Gestrüpp überwuchert, der Cesma verfallen. Also weiter bis zur nächsten Hütte, da muss es ja Wasser geben.
Nach beinbrecherischen Querungen und Abstiegen durch unseren jederzeit beliebten Windbruch stehen wir wiedermal mitten im nirgendwo…. Die Hütte ist verfallen, Wegmarkierungen abgeholzt, und das einzige Trinkwasser sind schlammige Pfützen und die neue Wegführung verläuft zielstrebig um alle Lichtungen und Wasserstellen herum. So bringen wir 4 äußerst anstrengende Tage bei brütender Hitze hinter uns. Die geplanten mittäglichen Hitzepausen für den mittlerweile wieder auf der Erde gelandeten Astronauten fallen also zwangsweise aus. Mit Mühe und Not schaffe ich es die gesamte Mannschaft mit genügend Trinkwasser zu versorgen. Nach 10 Std. Marsch bei brütender Hitze ins nächste Tal abzusteigen, sich durch unpassierbare Bergwälder zu kämpfen, zu hoffen das der Bär nicht grade am selben Bach seinen Durst stillen will, um dann bei einbrechender Dunkelheit mit 20 Litern Wasser wieder zum Lager hochzuklettern nimmt einen zusätzlich mit.
Und damit auch alle genug zu trinken haben mache ich den gleichen Fehler wie Don letzte Woche und trinke viel zu wenig.Irgendwann machen sich dann die folgen bemerkbar: Zigarettenstummel landen im Nudelwasser und nicht im Lagerfeuer und diverse andere Aussetzer…. Der schlimmste Blackout passierte mir allerdings eines Nachts auf einem von dichten Wäldern eingeschlossenem Bergrücken. Mitten aus meinen wohligen Träumen von einem Festessen mit richtigem Fleisch, frischem Gemüse und allem was sonst noch dazu gehört werde ich von Don mit panischer Stimme aus dem Schlaf gerüttelt….“ Julian! Julian! Wach endlich auf!!! Wo ist das Bärenspray, wo sind die Piratkas? ( Ziemlich laute bulgarische Böller die uns von Aykut für genau diesen Fall empfohlen wurden)…Da draußen ist irgendwas,Kamchi geht total steil!“ Immer noch im Halbschlaf höre ich das Maultier rumgallopieren und laute Warnschnauber ausstoßen. Aber irgendwie ist mir das grade alles zu blöd, das Essen war grade soooo lecker….seelenruhig antworte ich Don: „Ja gleich…das Zeug fliegt irgendwo in einer der Packtaschen rum…ich dreh mir jetzt erst mal ne Kippe!“…
Bewaffnet mit Zigarette, Bärenspray, Piratkas und Stirnlampe treten wir also in die Finsternis…Natürlich hätte jeder Bär inzwischen das Maultier, den Esel, und dann uns mitsamt Zelt verspeist.
Mittlerweile bin ich dann doch Hellwach und Adrenalin pumpt durch meine Adern so das ich in Unterhose und Stiefeln nichts von dem eisigen Wind mitbekomme der über den Bergrücken streicht. Da auf der Lichtung kein Bär auszumachen ist nehmen wir den nahegelegenen Waldrand mit den Piratkas unter Feuer. Offenbar mit Erfolg. Nach 15 Minuten hat sich Kamchi wieder beruhigt und wir verkriechen uns schlotternd ins Zelt.
Die Geschichte kann ich mir jetzt die nächsten Jahre anhören. So was darf nicht nochmal vorkommen……Feuer ist ab jetzt, wenn irgend möglich wieder Pflicht, Böller und Bärenspray müssen wieder im Zelt parat liegen!
Als das erste dunkelgrau die schwärze der Nacht vertreibt merke ich in meinem unruhigen Schlaf das Kamchi wieder anfängt sich aufzuregen. Sofort sind wir beide Hellwach! Rein in die Stiefel, Bärenspray und Böller geschnappt, Stirnlampe auf Suchscheinwerfer geschaltet und 10 Sekunden später stehe ich kampfbereit vor dem Zelt. Aber diesmal zum Glück nur Fehlalarm. Als ich grade den ersten Piratka anzünden will sehe ich gegen den noch fast schwarzen Himmel die Silhouette eines stattlichen Hirsches über die Bergkuppe verschwinden…
Zwar haben wir noch keinen Bären gesichtet, aber in Gebieten wo es angeblich keine gibt Spuren gesehen, und woanders wurden wieder Erwarten dann doch Bären gesichtet. Also ist auf jeden Fall Vorsicht geboten.